Samstag, 31. Juli 2021

Jeden einzelnen Tag

 Jeden einzelnen Tag meines Lebens freue ich mich, dass meine Ochsen Teil meines Lebens sind. Ich werde ihnen nie überdrüssig. 

Im Gegenteil. 

Eigentlich muss ich es sogar so ausdrücken: jeden einzelnen Tag meines Lebens ist es ein Segen und eine Ehre, Teil ihres Lebens sein zu dürfen.

Alle Jahre wieder


Vom Unterengadin laufen wir bei sehr schönen Wetter ins Oberengadin. Zuerst schiebe ich es nur auf den Inntalradweg, aber schlussendlich sind sie überall: Menschen! Auf Fahrrädern, E-Bikes, zu Fuß. Die gefühlte halbe Schweiz scheint gerade Urlaub in Sankt Moritz und Umgebung zu machen. Und alle haben sie es dabei: ihr Smartphone. Und wo viele Menschen aufeinander treffen, oder im Urlaub sind, da wird nicht mehr gefragt: „darf ich?“, sondern auf den Auslöser gedrückt. Wieder und wieder. Und der Mensch daneben auch und der daneben auch und der daneben auch. Foto Foto Foto Foto Foto Foto Foto Foto Foto Foto Foto Foto Foto Foto

Weder sehe ich ein Lächeln, noch Freude über die Ochsen (was mir wiederum viel zurück geben würde), noch bekomme ich ein “Hallo“. Ich sehe die Menschen nur konzentriert auf ihren Bildschirm starren. Mensch um Mensch um Mensch um Mensch um Mensch.

Und nach so vielen Jahren unterwegs überrennt mich das immer noch. Dringt in mich ein und saugt mich leer.

Und meine ganzen Mantras, die ich mir vorbete helfen nichts. „Die machen ja eh nur Fotos von den Ochsen und kein Foto von dir!“...„In dem Moment der Überraschung vergessen sie allen Anstand!“...„Sie meinen es überhaupt nicht böse!“..."Freu dich doch einfach über das Interesse!"...„Das ist ein Lob für Max und Milan!“ Irgendwann greift nichts mehr und ich will niemand mehr sehen und hören. Bin nur komplett überfahren. Diesmal ist es wieder so schlimm, dass ich mich für zwei Tage auf einer Wiese verkrieche, wo der Bauer so nett ist, mich wieder auftanken zu lassen. So wunder wunderschön es hier auch ist, wirklich raus aus meinem Camp bewege ich mich nicht. Denn draußen sind sie wieder, die Menschen.

Manchmal frage ich mich, wie betrogen sich das Leben selbst erst fühlen muss. Da gibt es die Gelegenheit für Freude, Staunen und Lachen, für positive Energie, für Öffnung, aber was machen die Menschen daraus?

Es ist eine Illusion zu meinen, dass ein Foto machen gleich zu setzen ist mit etwas wirklich sehen und zu erleben.

Montag, 19. Juli 2021

Unterengadin

Der Flüelapass bringt uns ins Engadin runter. Kaum bin ich unten angekommen, merke ich, dass es sich hier anders anfühlt. Mit jedem Schritt den ich mehr in das erste Dorf setzte, werde ich freudiger. Die ersten Engadiner Häuser begrüßen mich in all ihrer Pracht. Mit den dicken Mauern und den in den Putz geritzten reichen Verzierungen. Dazu die großen runden Holztore. Ich komme kaum raus aus dem schauen. Die Leute begrüßen mich alle herzlich, freudig und offen. Wo bin ich hier denn gelandet? Um noch alle Klischees zu erfüllen haben die ersten vier Bauern, die ich auf ihren Traktoren sehe (es wird gerade geheut) mellierte Rauschebärte. Und alle lachen.

Doch nicht nur die Menschen begrüßen uns ins Susch, auch die Fliegen und Bremsen erwarten uns ins stürzen sich auf Max und Milan. Da fliegen sie Hörner nur so in der Gegend herum und so bleibt mir keine Wahl, als eh gleich Wiese zu suchen. Bin ich froh, dass wir dieses Jahr bisher bis auf ein paar Tage im Juni von diesen Plagegeistern verschont geblieben sind. Das ist der Segen der hohen Lage, aber auch der Segen des relativ kühlen Sommers.

Doch schon bald schlägt das Wetter um, glücklicherweise, und für ein paar Tage haben wir das Vergnügen in den Wolken und im Sprühregen zu laufen, zu zelten, zu leben. Das ist auch so eine spezielle Stimmung und vor allem ein spezieller Geruch. Da werde ich ganz süß wehmütig im Herzen. Und erinnere mich an sie intensiven Campingurlaube als Kind.

Und seitdem vergeht kein Tag ohne Staunen und innerlichem Gejauchtze vor all der Schönheit, die mir hier begegnet. Ob es die Dörfer sind, in den jedes Haus ein eigenes Kunstwerk ist. Ob es die Berge sind, die auf über 3000m gehen und nur aus blankem Fels bestehen. Ob es die unglaublich netten Menschen sind, deren Augen so leuchten. Ob es der der Geruch ist. Oder alles zusammen, die Häuser mit ihren Menschen in einer Landschaft, die noch terrasiert ist, vor einer gigantischen Alpenkulisse.














Samstag, 10. Juli 2021

Die Ochsen als Herzöffner

Wieso die Ochsen die Menschen dazu bringen in einem Bruchteil einer Sekunde ihre Wesen, ihr Herz, zu öffnen, weiß ich nicht. Ob es an ihren Augen liegt, oder ihrem Wesen. Ob es daran liegt, dass die meisten Menschen noch keinen Ochsen vor der Kutsche gesehen haben, oder der Art, wie sie ihre Arbeit verrichten, langsam aber stoisch. Ich weiß es nicht.

Doch ich sehe Mauern einstürzen, Augen weich werden innert kürzester Zeit. Und selbst der grummligste Bauer bekommt bei ihrem Anblick einen weichen Gesichtsausdruck.

Es ist jedes Mal wie ein Wunder.

In einem Bruchteil einer Sekunde passiert etwas, was kaum möglich ist. Keine Muster greifen mehr, keine Mauern bleiben bestehen. Die Ochsen stehen einem Menschen gegenüber der offen ist und leuchtet.

Wir kraftvoll dieses Aufeinandertreffen ist, hat sich mir gerade wieder in Davos gezeigt.

Davos hat sich im Sommer zu einem Urlaubsort für Menschen mit orthodox jüdischem Hintergrund entwickelt. Ich habe sie über die Jahre schon oft in der Stadt angetroffen, ohne Ochsen, in ihren traditionellen Gewändern und dem charakteristischen Haarschnitt. Sie bleiben unter sich in Gruppen. Mehr oder weniger die restliche Menschheit um sich herum ignorierend. Nie, aber auch nie, wird mir in die Augen geschaut. Ob es daran liegt, dass ich eine Frau bin, oder nicht zu ihrem Glauben gehöre, weiß ich nicht. Selbst wenn ich mit der Pferdekutsche an ihnen vorbei fahre, werde ich nicht angeschaut, die Rösser aber auch nicht. Vielleicht noch von den Kindern.

Gestern bin ich nun zum ersten Mal mit Ochsen durch Davos gelaufen und die haben es mal wieder geschafft Barrieren zu überwinden. Ich habe Erstaunen erlebt, Freude und mir, MIR, wurde in die Augen geschaut. Wo sonst Blockaden waren, war jetzt Offenheit. Kontakt wird aufgenommen über Körpersprache, Blicke und Gespräch.

Die Kraft der Ausstrahlung meiner Ochsen hat mich jetzt auch nach so vielen Jahren tatsächlich nochmal fast vom Hocker gehauen.


Montag, 5. Juli 2021

 So lange habe ich nichts mehr geschrieben. Wir sind jetzt schon zwei Wochen in Davos. Durch meine vier Winter dort kenne ich die Gegend und die Bauern. Ich nutze die Zeit und die Möglichkeiten zum Bleiben für eine Pause für die Ochsen, den Menschen wieder zu begegnen und mit den Hunden die Berge zu erkunden. 

Unsere vielen Touren bringen uns mehrmals auf über 2600m, wo es um diese Jahreszeit zwar noch keine Kühe, aber umsomehr Murmeltiere und Gemsen gibt.








Besuch bekommen wir auch immer wieder auf unserer Wiese oberhalb von Davos. Vor allem Mia freut sich an den Ochsen und bekocht mich auf meinen Ofen, während ich den Jungs in alten angrenzenden Stall die Klauen schneide. Sowohl am der Innenausstattung, als auch am Türrahmen lässt sich erkennen, dass die Tiere früher um einiges kleiner waren. 




Und wir gehen aus Spaß an der Freude mit der Pferdekutsche in die Seitentäler von Davos. In einer ungewohnt schnellen Geschwindigkeit!



Freitag, 18. Juni 2021

Erfrischung

 Ich hätte nicht gedacht, dass es so warm werden kann zwischen den hohen Bergen in Graubünden. Doch jetzt Anfang Juni müssen wir genau deswegen schon unseren Tagesrhythmus umstellen und früh starten. Um drei klingelt der Wecker, so dass wir um fünf startklar sind. Und vor dem Mittag ist schon wieder Schluss mit Laufen, zumindest für die Jungs.

Heute morgen sind wir von der Polizei aufgehalten worden. Alle sehr freundlich, aber sie wurden gerufen, weil gefährliche Überholmanöver gemeldet wurden. Doch was soll ich tun? Ich habe keine Alternative zu dieser Strecke, das sehen die Polizisten auch ein. Meine Personalien werden auf jeden Fall trotzdem aufgenommen.

Es ist auch viel los hier auf der Straße. Auf der Strecke zwischen Thusis und Tiefencastel trifft sich alles, was ins Engadin über den Julier- oder Albulapass will und muss oder nach Davos oder Lenzerheide.

Die Polizei erwähnt nochmal wie gefährlich es ist und fährt weiter. Sie könnten mich ja auch durch die zwei Tunnel begleiten, wenn ich so ein Hindernis in ihren Augen bin, doch stattdessen warten sie lieber am Tunnelausgang und tippen in ihr Smartphone.

Als es endlich eine Alternativroute gibt, steigt diese kontinuierlich an. Eine kleine Herde Schafe kommt mir entgegen. Vorne weg zwei Menschen, dahinter zwei Kinder mit Ross und ein Mann auf einem voll bepackten Lasten E-Bike. Sie rufen mir zu wohin sie gehen, doch ich verstehe es akustisch nicht. Bin ich doch bei Pepe um ihn abzuhalten die Schafe zu verschrecken.

Weiter geht's bergauf und weiter steigen die Temperaturen. In einem schönen kleinen Dorf sehe ich gerade noch rechtzeitig rechts einen Brunnen, der niedrig genug ist, damit die Jungs angeschirrt darin saufen können ohne mit der Deichsel Schaden anzurichten. Die Jungs nehmen mein Signal für rechts, also Pause, also stehen, also saufen, also nicht mehr arbeiten, freudig an und nehmen einen großen Schritt auf dem Brunnen zu. Nur der ist ja schon da und dazwischen steh noch ich und so werde ich vorwärts in den Brunnen “gefällt“, durch die Brunnenkante im Knie und die Deichsel im Rücken. Einmal der Länge nach von Unterschenkel bis Hals ist alles unter Wasser. Es ist erstaunlich erfrischend! Doch auch so komisch, dass ich lachen muss. Als ich mich aus dem Wasser wuchte und mein Smartphone schnell an etwas Trockenem abzutrocknen versuche, aber nur Nasses finde, sehe ich, dass sowas natürlich nicht ohne ZuschauerInnen passieren kann. Und alle haben natürlich zumindest ein sehr sehr breites Grinsen. Es muss auch wirklich sehr lustig ausgesehen haben.

Die eigentliche Ironie des ganzen ist ja noch, dass Max und Milan nicht mal gesoffen haben.

Zumindest ich bin erfrischt, als wir weiter ziehen.


Freitag, 11. Juni 2021

Unser Weg zum Pass

 Langsam, ruhig und mit ganz viel Zeit bewegt sich unsere kleine Herde Stück für Stück in Richtung Pass. Nie zuviel aufs Mal. Dafür ist es eh zu schön überall.

Die Kutsche ist randvoll mit Heu, dass die Jungs ja nie hungern müssen. 





Dann verlässt uns das Glück mit dem Wetter und wir bekommen alle zu spüren, wie kalt und uneinladend es auch sein kann im Juni in den Bergen. Wind und Regen. Vor allem Pepe hat kalt. Aber dazwischen scheint auch immer wieder die Sonne. Die Ochsen genießen ein paar Tage ohne Arbeit, während ich mit den Hunden die Gegend erkunde (wenn es mal trocken ist)











Aber auch mit 2km/h erreicht man irgendwann den Pass. Ich konnte es so einrichten, dass wir am ersten Schönwettertag oben ankamen. Schade eigentlich, dass es dahinter gleich wieder runter geht. 









Auf der ersten Alp unterhalb von Pass dürfen wir bleiben und wärmen unsere Glieder in der Sonne. Seht ihr die Kutsche und unser Camp auf dem nächsten Bild?



Milan geht es immer noch gut!!!

Mittwoch, 2. Juni 2021

Und so packen wir unsere Sachen und ziehen langsam Richtung San Bernardino. Max Zugwille ist gering, doch das kann auch noch daran liegen, dass wir eben gehen. Da haben die Ochsen ja eh ihre selbst ausgehandelte Abmachung, dass Milan dort die Arbeit übernimmt und auch noch Max mitzieht. Da die Muskulatur an der Hüfte von Max immer noch weich ist, schiebe ich es einfach erstmal darauf.

Die Menschen in der Mesolcsina, dem Tal welches zum Pass führt, sind genauso nett wie alle anderen im Tessin und die Wiesen, wunder wunderschöne Wiesen, zum Teil schon organisiert, bevor ich überhaupt zum Suchen anfange. Auch hier ist die Regel, dass ich länger bleiben dürfte, wenn ich wollte. Doch sind wir ja jetzt wirklich lange genug in einer Region geblieben, dass ich doch endlich mal ein bisschen weiter möchte. Also lehne ich diese für mich eigentlich sehr wertvollen Angebote tatsächlich ein paar Mal in Folge ab.

In Mesocco, dort, wo der Anstieg zum Pass beginnt, landen wir wieder wunderschön auf einer Wiese unterhalb der Burg, total uneinsichtig und vor unserer Nase ein wunderschöner Wasserfall. Warm ist es geworden die letzten Tage, zu warm, um die kommenden Passabschnitte tagsüber zu laufen. Also muss ich meinen Rhythmus wieder umstellen, und im Dunklen aufstehen, da wir um 6 schon auf der Strasse sein müssen um unser „Tagessoll“ von ca 500 Höhenmetern gelaufen zu haben, bevor die Sonne Max und Milan die Freude am Arbeiten nimmt.

Die Frühstückswiese für Max und Milan ist an diesem noch dunklen Morgen unterhalb einer zwei Meter hohen „Felswand“. Dort ziehe ich keinen Zaun, da sie da ja eh nicht hoch kommen. Meine ich. Und das ist mein erster Fehler, den ich an diesem Tag begehe.

Milan ist schon nach 10 Minuten auf den engen Wiesenstreiffen oberhalb der Felswand geklettert, weil dort das Magergras wächst, welches ihm besser schmeckt als das hohe Gras, welches ich als sein Frühstück vorgesehen habe. Da mir mulmig wird bei dem was ich sehe, greife ich ein und begehe damit meinen zweiten Fehler. (Eigentlich sollte ich es ja wissen. Ein Tier kann sich in Ruhe am besten aus Gefahrenstellen wieder hinausbewegen) Ich versuche ihn nach oben wegzutreiben (dritter Fehler: Treiben und nicht ihn das Halfter überziehen und herausführen), nicht nach unten, denn dort würde er dann vor lauter Übermut über die fast Schnittbereite Mähwiese springen und das Gras niedertrampeln. Doch Milan hat keine Lust nach oben wegzugehen. Stattdessen tritt er an den Rand der „Felswand“ und ich sehe nur noch, wie die Erde unter seinen Füssen weggleitet und Milan nach unten stürzt. 700kg Lebendgewicht stürzen im Dunkeln senkrecht 2 Meter tief.

Ein Moment, wo die Zeit stillsteht und sich das Herz auf die Größe einer Erbse zusammenzieht.

2 Meter, genug um sich Knochen zu brechen, Sehnen zu reissen.Genug um auf der Seite zu landen und sich irreparable Verletzungen zu holen.

Milan kommt auf allen Vieren auf seiner Weide auf, geht aber ziemlich in die Knie dabei und grunzt beim Aufprall.

Und geht grasen.

Also kann kein Knochen gebrochen sein.

Kurz darauf legt er sich hin und käut wieder. Da kann eigentlich auch keine Sehne gerissen sein oder irgendwelche inneren Verletzungen aufgetreten sein.

Ich setzte mich hin und bin fix und fertig.

So schnell kann es gehen. Es braucht so wenig Unachtsamkeit und das Leben meines Zugochsen steht auf dem Spiel. Und somit meine Reise.

Es braucht so wenig!

Da nehme ich meine Ochsen mit ihren 5 Jahren und unsere Reise als gegeben hin, doch von einer Sekunde auf die Nächste kann auch alles vorbei sein.

Doch wir haben auf den ersten Blick erstmal Glück gehabt. Kann das sein? Ich wage kaum zu hoffen, dass ein Tier dieser Größe und dieses Gewichts einen solchen Sturz unbeschadet überstehen kann? Schwellungen sehe ich natürlich noch nicht. Zerrungen o.Ä. zeigen sich vielleicht erst später. Was soll ich tun? Ihm einen Pausetag geben?  
Nein, ich will wissen, ob ihm nicht doch etwas fehlt, und das weiss ich am Schnellsten wenn ich einspanne und los ziehe. Also packe ich ungefrühstückt (der Hunger ist mir vergangen) das Camp ein und spanne an.

Und Milan zieht! Er ist auch nicht nervös. Sehe ich da eine Schwellung kommen am Bein? In meinem Zustand kann ich mir aber gerade viel einbilden. Aber er humpelt kein bisschen!

An diesem Tag führt uns die Strasse in den Morgenstunden auch noch 400 Höhenmeter nach oben. Schön langsam. Und meine Ochsen machen mit. Mit ihren 2 km/h, mit der eingerenkten Hüfte von Max, mit dem frisch verunfallten Milan, mit der traumatisierten Eva.

Und je mehr wir an Höhe gewinnen, desto mehr verwischt das im Dunkeln passierte und bekommt etwas Traumähnliches.

Was bleibt ist die alte, mir jetzt wieder frisch eingebrannte, Erkenntnis, zu hundert Prozent das Jetzt zu geniessen, zu schätzen, zu leben. Denn schon morgen kann alles vorbei sein. Fast wäre es das gewesen.

Dienstag, 25. Mai 2021

Es kommt wie es kommt, wie es kommt

 

Mit unserem „persönlichen“ Park und Naturschutzgebiet, in welchem die Ochsen den Rasenmäher spielen dürfen, habe ich so Glück! 
Und viel Zeit.

Zeit den unzähligen Vögeln zuzuhören, die sich auf dieser „Insel“ gern aufhalten, wo doch ausserhalb die stark landwirtschaftlich genutzte Ebene des Südtessin liegt. Ich lerne sogar die Zwergohreule kennen, da sie mir die ganze Nacht ihren einzigen Ton, wie aus einer Blockflöte, monoton ins Ohr pfeift. Davon gibt es nur 30-40 Brutpaare in der ganzen Schweiz.

Und ich habe viel Zeit mich mit dem Besitzer zu unterhalten und mit ihm die ein oder andere Zigarette zu rauchen. In einem Gespräch kommen wir auf Max‘ Probleme zu sprechen und dass er eigentlich einen Pferdechiropraktiker bräuchte. Daraufhin verweist er auf seinen Nachbarn mit den - sage und schreibe - 120 Rössern. Und auch mir erscheint diese Anzahl vielversprechend, was das Wissen um einen Chiropraktiker betrifft.

Als ich den Stallbesitzer anrufe und erfahre, dass zu ihm eigentlich schon längst einer aus Bern hätte kommen sollen, kann ich mein Glück kaum fassen und rufe jenen SOFORT an, um zu fragen, ob er wirklich kommt und wann und auch zu uns?

Der Chiropraktiker meint zuerst, ich erlaube mir einen Scherz mit ihm, mit meiner Bitte meinen Ochsen einzurenken und verweist darauf, dass er nur mit Elefanten arbeite. Aber dieses Missverständnis ist schnell geklärt und ich mache innerlich gefühlte 20 Luftsprünge, als er sich Bereit erklärt, sich auch Max anzuschauen. Unter Vorbehalt erstmal, da er eigentlich nur mit Sportpferden arbeitet und noch nie eine Kuh unter den Händen hatte. Und er kommt in einer Woche!

Was haben wir wieder für ein Glück. Da stolpern wir förmlich über einen für uns so wichtigen Menschen, nachdem ich in den letzten Jahren so viele erfolglose Telefonate geführt habe. Einfach so!

Die Woche vergeht eigentlich schnell, ich frage mich manchmal schon, was ich so den ganzen Tag mache, aber zu tun gibts immer irgendetwas. 

Ich bin schon aufgeregt, hängt doch ALLES von gesunden Zugtieren ab.

Auch mein ganzes Seelenheil.

Der Chiropraktiker ist sehr nett, freut sich über die Ochsen und ist selber kurios, ob er bei ihnen was ausrichten kann. Max merkt sofort, dass etwas Gutes mit ihm geschieht und hebt schon beim ersten Abtasten des Rückens seinen Schwanz (ein Zeichen des Wohlgefallens). Und lässt sich seine Hüfte problemlos einrenken. Kurz danach ist Max‘ stark verspannte Hüftmuskulatur schon weich. Nach diesem Erfolg hätte ich am liebsten, dass er gleich den ganzen Ochsen durcharbeitet, wenn ich ihn schon mal da habe. Doch muss ich mich erstmal damit zufrieden geben. Und das bin ich natürlich auch! Schon so bald zu merken, dass Besserung eintritt ist ein großer Stein, der von meinem Herzen rollt.

Jetzt muss Max ein paar Tage stehen und dann werde ich mich Richtung San Bernardino aufmachen. Und schauen, wie Max sich macht. Ich hoffe so so sehr, dass er wieder Freude an den Bergen haben wird!!!!

Montag, 17. Mai 2021

Fußweh trifft auf Hüftweh

 

Gezwungenermaßen lehre ich Max und Milan, sich von hinten fahren zu lassen. Freiwillig hätte ich das nicht gemacht, weil ich finde, dass meine Position an der Seite von den Ochsen und somit vorne ist. Zufuss. Wie sie auch. Zum einen bleibe ich da wach, auf der Kutsche selber werde ich gerne schläfrig, erarbeite mir alles Distanzen selber und kann noch mein Gewicht als zusätzlichen Luxus auf der Kutsche verstauen.

Seid letztem Herbst habe ich aber Probleme mit meiner rechten Ferse. Schon als wir über den Gotthard gezogen sind, habe ich mich gewundert, wieso ich so früh immer müde werde. Bis mir aufgefallen ist, dass nicht mein Körper müde wird, sondern nur der Fuss.

Über den Winter wurde es stärker, bis ich anfing Dehnübungen gegen Fersensporn zu machen. Dadurch habe ich es ziemlich gut in den Griff bekommen. Solange ich die Übungen regelmäßig zweimal am Tag machte hatte ich meine Ruhe.

Jetzt mit Beginn der Tour und der damit verbundenen stärkeren Beanspruchung des Beines ist alles wieder da und noch verstärkt.

Die Freude an Touren in die Berge ist dieses Frühjahr gar nicht vorhanden. Auch bin ich mehr im Camp als die Sommer davor. Meist unbewusst, bin einfach gern„zuHause“, aber wenn ich genauer darüber nachdenke, dann ist es der Fuss. Nur in Ruhe geht es ihm nämlich richtig gut. Ansonsten habe ich meist nach höchstens einer Stunde starken Druckschmerz in der Ferse, wenn ich den Fuß belaste, wehe Fersenknochen, entzündete Sehnenansätze und Knacken im Gelenk.

Doch wenn ich keine Lust mehr habe zu laufen, wird ja auch mein Zugang versperrt zu dem Weg, der mir soviel Glück und Frieden bringt. Was soll nun das schon wieder. 

Ich werde mal wieder gezwungen noch langsamer zu machen. Umso dankbarer bin ich, dass ich gerade so viele Möglichkeiten zum Verweilen mit den Ochsen habe. Zumindest bin ich da nicht im Weiterziehzwang.

Zu was mich das Leben damit auffordern will, weiss ich noch nicht und sperre mich auch noch dagegen. Ich hoffe sehr, dass ich mit mehr Dehnübungen, Einlagen und Salben, den Sommer genauso zu Fuss erlaufen werde, wie die letzten auch. Und für den Fall, dass es zu weh tut, müssen Max und Milan halt lernen, mich doch mit zu ziehen.

Doch nicht nur ich schwächle dieses Frühjahr, auch Max scheint Probleme mit einem Bein zu haben. Wenn er müde ist, schleift er mit der Klauenspitze über den Boden. Und auch er hat dieses Jahr gar kein Interesse an unseren Touren in die Berge ohne Kutsche. Da sind wir uns leider einig. Letztes Jahr hatte er so Freude daran. Genauso wie ich. Das Problem scheint mir aber nicht im Bein zu liegen, sondern eher aus der Hüfte zu kommen. Diese ist auch sehr verspannt, auch sein Schwanzansatz. Er hat sich ja eigentlich schon immer sein eines Bein nach aussen aus der Hüfte heraus gedehnt, ganz von selber. Vielleicht als Folge seines Senkrückens. Seid diesem Winter macht er es aus beiden heraus. Die einzige Chiropraktikerin, die sich ins Tessin aufmacht, ist aber noch im Mutterschutz. Das habe ich schon im Januar herausgefunden, als ich beiden Ochsen ihre jährliche chiropraktische Wellnesskur gönnen wollte.

Die drei Regentage vor zwei Wochen habe ich genutzt, mich in ein englischsprachiges e-book über Chiropraktik am Pferd einzuarbeiten.. Das ist sehr interessant und ich lerne dadurch, Max‘ Verspannungen besser spüren zu können. An das eigentliche Einrenken traue ich mich aber nicht heran. Aber ein paar Dehnübungen übernehme ich aus dem Buch und andere aus dem Internet. Sie sind Max zwar erstmal fremd, doch dann lernt er sie zu schätzen. Und wird auch so immer weniger verspannt. Laufen wir im Flachen, auch längere Strecken, merke ich schon nichts mehr. Aber so ein bisschen bleibt ein mulmiges Gefühl für künftige Steigungen.


abendliche Trinkrunde an den Ticino


Dienstag, 11. Mai 2021

Meine allerliebsten Hühnchen!

 

Es ist Zeit, dass Max und Milan lernen von hinten gefahren zu werden. Mit so viel Möglichkeit zum Verweilen im Südtessin, gehe ich das jetzt an, wenn auch gezwungenermaßen. Und ein Mensch hier aus der Gegend freut sich, uns beim ersten Versuch behilflich zu sein. Denn das erlaubt mir noch vorne bei den Ochsen zu laufen, während schon jemand hinten auf dem Bock sitzt und die Signale über die Leinen zusammen mit meinen Stimm- und Körpersignalen gibt.

Da wieder viel Regen und eventuell Gewitter angesagt sind in den nächsten Tagen und ich auf der Wiese, besser Park genannt, noch länger bleiben kann, werde ich an diesem Tag auch noch mein Camp um einige hundert Meter versetzen, damit ich unter dem alten Baumbestand heraus komme. Ich sehe nicht gern mein Zelt kaputt wegen eines hinunter gefallenen toten Astes. Also packe ich bis auf Zelt, Ofen und Hühner schon alles ein, damit ich die Kutsche nach der Trainingsfahrt gleich am neuen Platz parkieren kann. Den Rest will ich später nachholen, also auch die Hühner. Ihr Platz auf der Kutsche wird nämlich gebraucht, dass meine Hilfe dort sitzen und die Leinen halten kann. Also habe ich da schon Decken hingelegt, damit es sich bequemer sitzt.

Während ich Milan als ersten an die Deichsel anbinde und die Zugstränge befestige, sind mir die Hühner ständig im Weg. Eine sitzt auf der Deichsel, die andere ist schon auf der Kutsche. Und als ich Milan fertig an der Kutsche „montiert“ habe, schaue ich zurück und mir zieht sich mein Herz zusammen. Denn die Hühner sind auf ihrem Platz auf der Kutsche, wo eben sonst ihre Box steht und haben sich auf die bereiteten Decken schön eng beieinander so eingekuschelt, wie sie es eigentlich im Stroh ihrer Box während der Reise machen.

Sie wollten sicher stellen, dass sie mitkommen, wenn wir jetzt los ziehen. Sie haben die Dinge lieber selber in die Hand genommen, anstatt sich von mir - in ihren Augen - vergessen zu lassen.

Ein paar Tage lang war dieses Huhn krank. Dabei hat es herausgefunden, dass meine Beine eine warme Sitzstange sind.

Samstag, 8. Mai 2021

Vor mir fliesst der Fluss Ticino mächtig dahin. Er bringt mir so viele Grüsse vorbei. Grüsse vom Lukmanier und dem Bleniotal, wo wir vor zwei Jahren zum ersten Mal mit der Kutsche Tessiner Boden betreten haben. Grüsse aus Prato Leventina, unserem Winterquartier. Grüsse vom Gotthard, Nufenen und vom Bedrettotal, wo wir letztes Jahr unseren schönen Frühling verbracht haben. Aus all den Gegenden des Tessins, wo wir bis jetzt waren, ist ein Teil davon soeben vor mir. Und macht mich wehmütig und dankbar. 

 Ich bin so eine Idiotin. Meinen ersten Eindruck von der Gegend kann ich errötend in die Ecke stellen. Die Leute hier sind nur eines: NETT. Es ist gar kein Problem eine Wiese zu finden. Ich bin mittlerweile wieder so in meinem glücklich-zu-Reisen-alles-ist-gut-Feeling, dass ich mir überhaupt keine Gedanken oder Sorgen über eine Wiese mache. Nicht einmal in der dicht besiedelten Gegend um Bellinzona herum. Da mussten wir schon Strecke machen, denn wo keine Bauern sind, kann ich auch nicht fragen, aber es ging auch wieder alles reibungslos: kaum in der wieder von Landwirtschaft genutzten Ebene angekommen, hatten wir sofort eine Wiese. Für mehr oder weniger egal wie lange. Ich werde umsorgt, wie kaum in einer anderen Gegend. Auf der Wiese, die ich mir im letzten Blog Artikel noch organisiert habe, bin ich schlussendlich mehr als eine Woche geblieben, weil es immer mehr und mehr Wiese dazu gab. Und so habe ich die Menschen dort kennen und schätzen gelernt. Pro Tag haben mich um die drei Menschen gefragt, ob ich irgendetwas brauche. Oder haben mir einfach was vorbei gebracht.
Ich weiss nicht, was mich am Anfang so nervös hat werden lassen. Ich mein, ich weiss es schon, aber ich verstehe nicht, dass  ich mich davon habe so beieinflussen lassen. Um so dankbarer bin ich den Menschen von Iragna, weil sie mich durch ihre Nettigkeit sofort in mein Vertrauen ins Leben und meine Tour mit den Ochsen zurück gebracht haben.

Dienstag, 27. April 2021

 So schnell ist man im Tessin von 1000m wo nach gar kein Gras wächst auf 300 Meter, wo Palmen wachsen und schon Blätter an den Bäumen sind. Ich habe mich so gefreut, endlich in Gebieten zu sein, wo meine Ochsen genug frisches Futter finden, dass ich nicht zufüttern muss.
So hatte ich mir das zumindest gedacht. Jetzt stehe ich in diesem Gebiet und werde erstmal nur verunsichert. Denn die Trockenheit des Frühjahrs hat das Gras, was eigentlich dicht und hoch stehen sollte, dünn wachsen lassen. Und lässt die Bauern nervös in dieses junge Frühjahr blicken. Und nervöse Bauern sind ertstmal nicht so begeistert uns zu sehen.

Nachdem mein Italienisch sich im letzten Jahr so verbessert hat, dass ich sprechen kann, ist zumindest dieser Teil kein Hinderniss mehr und erleichtert mich.
Eigentlich will ich ja ins Valle Maggia ziehen um die Zeit vor der Öffnung des San Bernardino Passes mit schöner Landschaft zu füllen, aber um dort hin zu kommen muss ich das sehr stark „überbesiedelte“ Südtessin mit Bellinzona und Locarno durchqueren (und das selbe dann wieder zurück für den Pass). Schon ohne Trockenheit eine Herausforderung bringt die Trockenheit meinen Plan gleich mal ziemlich ins Wanken. Alternativ könnte ich auch gleich Richtung Pass ziehen, doch dort geht es ja gleich wieder hoch und somit in Gebiete, wo aufgrund der frühen Jahreszeit einfach noch nichts wächst.
Um mehr Zeit zum Nachdenken zu haben, suche ich eines Morgens gleich von meiner Notwiese für die Nacht nocheinmal ein paar Bauern auf, um nach einer Wiese in der Gegend für ein oder zwei Tag zu fragen. Mit Glück, ein Schafbauer zögert nicht lange. Es gibt sie also auch hier, die netten Bauern. Eigentlich weiss ich das ja. Die gibt es überall. Aber zweifeln tu ich trotz meiner Erfahrung zu schnell.
Vielleicht habe ich mich ja auch getäuscht in meinem ersten Eindruck der Nervosität der Bauern und das Zögern lag einfach in der Mentalität der Menschen hier? Solche Regionen gibt es ja auch immer mal. Selten zwar, aber es gibt sie.

Wie es auch ist, jetzt bin ich einfach mal hier und freue mich daran, dass in den nächsten Tagen etwas Regen angesagt ist. Ohne Regen haben wir hier schon weit über 20 Grad tagsüber. Und entspanne mich etwas von den ersten Eindrücken dieser Gegend. Mein Gefühl sagt mir eigentlich schon, dass ich nur vertrauensvoll los laufen muss und es schon gut wird. Dieses vertrauensvolle Leben, das ich nur durch das Reisen gelernt habe, kommt mir im Winter immer mal wieder abhanden. Und erst im Frühjahr taucht es wieder auf.
Ich muss nur einfach die Trockenheit in meine Tage mit einbeziehen. D.h. kürzere Strecken laufen, damit die Ochsen, aber v.a. ich, genug Energie übrig haben, bei mehrere Bauern vorbeizulaufen, sie erstmal zu finden und dann auch anzutreffen (das ist gar nicht so leicht, weil hier niemand bei seinen Höfen direkt lebt) und darunter dann einen Netten zu finden. Wieso sollten jetzt auf einmal Probleme auftauchen, wenn es in neun Jahren kaum welche gab. Die Sorgen habe ich mir wieder in meiner eigenen Suppenküche gekocht.

Mittwoch, 21. April 2021

Ein unrunder Start



Wir sind wieder unterwegs. Auf der Strasse. Im Frühling.

Die letzten Wochen waren interessant, wenn ich es nett ausdrücken möchte. Sie waren aber vor allem voll.
Wegen des vielen Schnees sind Max und Milan den ganzen Winter nur in ihrem Stall und Auslauf geblieben. Und als es dann soweit war, dass ich etwas mit ihnen hätte machen können, habe ich mir mein Steissbein gebrochen oder stark geprellt. Das ist eine sehr langwierige und schmerzhafte Angelegenheit. Und als ich endlich wieder einsatzfähig war, waren es nur noch etwas mehr als zwei Wochen bis zum loslaufen. Da musste ich aber auch all die liegengebliebene Arbeit aufarbeiten, plus Kutsche überprüfen und packen, plus den Jungs neue Schuhe anpassen lassen, plus plus plus.
Deshalb habe ich nur zweimal kurz eingespannt bevor es losging. Aber mit gutem Gefühl.

Der Start hingegen war nicht gut. Die Bremse meiner Kutsche habe ich erst 4 Stunden vor Start wieder Einsatzfähig bekommen. Und als Milan - zum ersten Mal dieses Jahr- in all seinen Schuhen zur Kutsche treten sollte, hat er voll gesponnen. Damit habe ich nicht gerechnet, denn in Schuhen ist er ja schon zwei Sommer lang gelaufen.
Sein Kopf mit Hörnern hat er nur durch die Gegend geschmissen und die Füsse waren viel nur in der Luft. Also bin ich erstmal hinter den Hof auf die Wiese, damit er wieder realisiert, wie es sich anfühlt und dass es normal ist. Doch bleibt er wild und donnert mir in einem seiner Anfälle mit voller Kraft sein Horn in die Brust. Natürlich nicht extra. Aber verdammt weh tut es trotzdem. Erst nachdem ich ihm meinerseits die Peitsche über den Kopf ziehe, kommt er runter und ist auf einmal wieder ansprechbar und hält mehr Abstand zu mir. Auch die Schuhe scheinen ihn nun nicht mehr zu stören.
Daraufhin spanne ich beide vor die Kutsche und ziehe los (leichtsinnig??). Leider müssen wir nur bergab. Ausnahmsweise wäre mir nur bergauf lieber gewesen. Die ersten dreihundert Meter bereue ich alles was ich je über das gute Verhalten meiner Ochsen von mir gegeben habe. Sie sind schnell und so sicher, ob ich sie halten kann, bin ich mir nicht mehr. Was für ein Start!
Nach den ersten paar hundert Metern biegen wir auf die Kantonstrasse. Ich weiss nicht, was diese in ihnen auslöst, auf jeden Fall laufen sie daraufhin, als hätten sie nie was anderes gemacht. Ruhig, gelassen und bremsen schön mit. Wunderbar, aber erklären kann ich es mir nicht. Aber ich nehme was ich kriegen kann und schon fängt die Reislust wieder an in meinem Bauch zu kitzeln. Mit jedem Grün, was ich um mich herum sehe, mit jedem Stein, Vogel und Baum. Mit jedem Lufthauch, aber vor allem mit dem Geruch und Geräusch meiner Ochsen an meiner Seite.
Trotzdem bin ich froh, dass ich mir die erste Wiese schon vororganisiert hatte, in einer lächerlichen Distanz von 5 km. Aber es war genau das richtige!

Und jetzt laufe ich erstmal zu einem Bekannten, und wenn es von der Wiese her klappt, machen wir gleich einen Pausetag und gehen ohne Kutsche in die Berge. Aber erst, nachdem ich endlich mal wieder ausgeschlafen habe.

Dieses Frühjahr werden wir das Tessin hinunterziehen, wo es hoffentlich bald genug Gras hat, um nicht mehr Heu zufüttern zu müssen. Und wenn dann der San Bernardino Pass offen hat, der letzte Pass ins Tessin, den wir noch nicht kennen, werden wir diesen nehmen und Richtung Engadin und Davos ziehen. Mehr Plan habe ich nicht.

Jetzt werde ich wieder einmal die Woche schreiben und euch teilhaben lassen an der Reise zweier Ochsen, zweier Hunde, zweier Hühner und eines Menschen durch die wunder wunderschönen Berge der Schweiz.
Es ist übrigens unsere neunte Saison. Neun Sommer mit Ochsen auf der Strasse! Bin ich jetzt schon alt?