Montag, 27. Juli 2015

Lothar und Piz machen sich über mich lustig


Es ist Mittag, brütend heiss. Lothar hat seinen wohlverdienten Schattenplatz bekommen und ich auch, um den Schlaf wieder aufzuholen, der mir in der Früh wegen des frühen Aufbrechens geraubt wird. Was anderes kann man eh nicht machen, wenn das Thermometer 34 Grad zeigt und der einzig „kühle“ Ort der Schatten eines Baumes ist.
Also lieg ich grad und schlafe, als Piz sich den Platz hinter meinem Kopf aussucht, um sich auch einen ihrer verschiedenen kühlen Plätze zu verschaffen. Das macht sie, in dem sie sich eine kleine Kuhle gräbt um sich darin einzurollen. Nur das die Flugrichtung des ganzen Grubeninhalts auf mich fliegt, was sie aber nicht zu stören scheint. Erst als ich ein „Hee!“ rufe, begnügt sie sich mit der Tiefe ihrer Kuhle und rollt sich ein.
Nun bin ich natürlich wach und so brechen Piz unfreiwilligerweise (denn ihre Treue lässt es nicht zu mich alleine gehen zu lassen) und ich freiwilligerweise auf um eine Ruine in der Umgebung suchen, die sich aber nicht finden lassen will. Da es eh so heiss ist, ziehe ich es dann doch wieder vor Ruine Ruine sein zu lassen um meinen vorher abgebrochenen Mittagsschlaf fortzusetzen. Also liege ich wieder und bin grad am Einschlafen, als Lothar hinter mich tritt um in der Erde unter den schattenspendenden Bäumen - weshalb auch immer!!- auch anfängt mit den Vorderbeinen zu Scharren. Nur dass er mehr Erdreich bewegt bekommt wie Piz. Und wen dies wohl getroffen hat, könnt ihr euch auch vorstellen. Danke, ihr zwei!
Ach ja und Lothar: Kannst du mir erzählen, wo mein frisch gekaufter 1 kg Laib Dinkelvollkornbrot geblieben ist, welche eigentlich vorne in der Kutsche gelegen ist? Hättest du nicht ein verräterisches Stück Papier liegen lassen, hätte ich gedacht, er sei mir vom Wagen gefallen, so gut hast du selbst die Krümel verputzt!

Sonntag, 19. Juli 2015

verwunderliche Zeit




Wenn ich laufe und ich bin der Wald um mich herum, wenn ich auf den tollen abgelegenen Wiesen, weiter offen sein und mit dem Wind über das Getreide fliegen kann, oder so weit werden kann wie der Himmel über mir, dann ist das mit das größte Glück was ich kenne.
Und das langsame Unterwegs sein hat seine Essenz erreicht.
Dann BIN ich nur. Absolut wach. Nicht mehr und nicht weniger. Ohne Gedanken. Könnte ich jeden Tag so erleben würde ich mich wahrscheinlich irgendwann auflösen in eine einzige Lichtkugel aus Glück.

Freitag, 10. Juli 2015

Problemlose Probleme IV: Unmögliches ist möglich

Irgendwas stimmt hier nicht:

und da auch nicht:

und da schon gar nicht:


Samstag Mittag, wie immer grosse Hitze. Hätte es bisher schon Bauern gehabt, hätte ich schon längst nach einer Wiese gefragt.
Die Kutsche schrappt mit dem linken Vorderrad an einem Stein entlang und auf einmal geht gar nichts mehr. Meine Befürchtungen, ich hätte wie letztes Jahr eine Mutter des Rades und somit jetzt das Rad verloren erweisen sich als zu schön. Das komplette Rad ist ab. Inklusive Aufhängung, d.h: Achsenbruch.
Und das bei über 30 Grad.
Da das viel zu heiss ist um sich wirklich Sorgen zu machen und ich ja auch manchmal aus meinen Erfahrungen lerne, bin ich eher interessiert, wo mich das ganze jetzt wieder hinführen wird. Also binde ich Lothar an einem schattigen Ort an und mache mich auf zur eher ungewöhnlichen Hilfesuche.

Das erste Bauernhaus am Weg erweist sich auf den zweiten Blick als Sanatorium und deshalb als ungeeignet. Beim zweiten Bauernhaus öffnet mir eine Frau mit Lächeln und offenen Augen. Ich scheine richtig zu sein, doch trotzdem kostet es mich natürlich Überwindung sie mit den nicht gerade wenigen Problemen zu belasten. Also die Geschichte: „Unterhalb ihres Hauses auf dem Wirtschaftsweg sei die Achse meines Ochsenkarren gebrochen. D.h. ich bräuchte eigentlich folgende Hilfe: 1. jemand, der mir hilft die Kutsche zu Seite zu schieben, dass auch wieder landwirtschaftlicher Verkehr durchkomme. 2. eine Wiese, wo der Ochse so lange stehen kann, bis die Achse repariert ist und 3. die Vermittlung zu jemandem, der das eventuell tun könne.“

Doch nach dem ersten grossen verständlichen Erstaunen, hatte sie auf ALLES eine Antwort: "Die Wiese könne ich unter dem Haus mit Zugang zum Bach haben - kein Problem. Die Kutsche würden wir erstmal aus dem Weg schieben um dann dem Bauern drei Höfe weiter Bescheid zu geben, der ihnen auch immer alles reparieren würde. "

Und so taten wirs dann auch. Als also die Kutsche verräumt war, kontaktierten wir den Helfer-für-mehr-oder-weniger-alles, der sich als 78 jähriger Altbauer herausstellte. Er sah sich die Kutsche sofort an und sagte, er würde sein möglichstes probieren, wenn wir sie zu ihm an den Hof bringen würden. Eventuell würde er die ganze Achse austauschen müssen.
Daraufhin wurde also die Kutsche auf den Hänger der Familie geladen (denn auch dafür hatten sie eine Lösung). Das ging wegen der drei Räder nur mit vereinter Menschen- und Quadkraft und bei meiner neuen Wiese der gesamte Kutscheninhalt zusammen entladen (äusserst selten, dass Leute einmal querbeet mein ganzes Hab und Gut sehen, mein ganzes Privatleben sozusagen) und nach einer verdienten Mittagspause zu dem Altbauern gefahren. Dieser schweisste sofort zusammen mit seinem Sohn und Schwiegersohn die Radaufhängung verstärkt wieder an die Achse zurück. Und um 4 Uhr nachmittags, war meine reparierte Kutsche schon wieder auf dem Weg zu dem mittlerweile eingezäunten Lothar.

Und so ist Unmögliches möglich geworden: Um 11 Uhr an einem Samstag bricht meine Achse und um 4 Uhr Nachmittags des selben Tages ist alles wieder repariert. Bei mehr als 30 Grad, in einem Tal im Schwarzwald.
Und ich traue mich eigentlich gar nicht noch weiter zu erzählen, dass sich niemand für seine Arbeit hat bezahlen lassen und mir danach noch ein Eis an meine Wiese gebracht worden ist und später noch ein Korb mit Kirschen, Gemüse und Eiern.

Dieser Tag war wieder eine interessante Lektion des Lebens an mich.

Freitag, 3. Juli 2015

SOMMER


Es ist Sommer. So Sommer wie es letztes Jahr nie war. Die Temperaturen steigen auf mehr als 30 Grad. Die Bauern machen Heu um Heu. Jeden Tag sehe ich noch einen neu am Mähen, und verschiebe so die Hoffnung auf ein paar kühle Tage um noch einen weiteren Tag nach hinten. Da kann ich kaum glauben, dass ich noch vor genau einer Woche Eis auf meinem Zelt hatte.
Und mit der Hitze und dem Sommer sind auch wieder die Bremsen da und plagen den armen Lothar Tag für Tag. So eine dünne Haut wie er, scheint kaum ein Tier zu haben. So viele wie sein Blut abzapfen sehe ich an keinem anderen Tier. Dafür ein Pferd weggaloppieren, von genau einer grossen Rossbremse verfolgt, während an Lothar gerade 12 Stück dieser Dinger saugen.
Zu heiss und zu viele Bremsen geht für Lothar vor der Kutsche nicht. Irgendwann, meist gegen Mittag, hat der Gute dann kein Hirn mehr und kann sich weder auf mich, noch auf seine Aufgabe konzentrieren.
So geht es diese Tage gar nicht ohne Bremsenschutzdecke, Schutzfransen für die Augen und die Nüstern und das tägliche Einsprühen mit tiroler Steinöl. Und trotzdem: sie saugen und saugen und stressen ihn. Neben der Hitze. Gott sei Dank hat der so viel Blut im Körper, dass es am Ende des Tages auch noch für ihn selber reicht.

Im Sommer, wenn es richtig heiss ist, müssen wir uns auch wieder auf einen andern Rhytmus und noch mehr Langsamkeit einlassen. Um 4 Uhr aufstehen, grad beim Hell werden, so dass wir um 6 Uhr schon aufbrechen können. Und dann einfach schon wieder Wiese suchen, wenn es zu unerträglich mit der Hitze und den Bremsen wird. Ab Mittag haben Piz und ich dann also „frei“ und können dafür einfach andere Sachen machen. Sachen reparieren, oder die Gegend in Hitze erkunden. Ohne Lothar, d.h. anonym.
Mir tut das auch gut, denn wenn wir nur am Vormittag unterwegs sind, wo die Menschen in der Regel arbeiten und uns dann eine Wiese ab vom Schuss suchen, habe ich mal Pause im Fragen beantworten.
Die Kunst des Sommers ist, in ihm nicht die Qualen für Lothar zu sehen. Da nicht mit zu leiden und konstant angespannt zu sein ist gar nicht so einfach. Doch so ist der Sommer einfach überall für Kühe und Pferde, die ein Leben draussen führen dürfen, daran gibts nichts zu ändern.

Die Kunst des Sommers ist ihn trotz seiner Hitze zu geniessen. In seinem Duft nach trockener Erde, Heu und Getreide. In seinem Gefühl auf der Haut und dem Licht. In seinen ganz frühen Morgenstunden. Und der Zeit, die er mit sich bringt.

So sieht er dann also aus, der Hochsommerlothi:

Freitag, 26. Juni 2015

Wie gings eigentlich weiter mit: Lothars Verweigern am Berg?


Im ersten Jahr unserer Reise habe ich Lothar an einem heissen Tag mal überfordert, woraufhin er sich mir verweigerte und lernte, dass wenn er am Berg rückwärts läuft, ich nichts mehr machen kann. Dies hat er dann an jedem, aber wirklich jedem folgenden Hügel weiter probiert, was ziemlich gefährlich geworden ist. Das Resultat war, dass wir drei Monate keinen Berg mehr gelaufen sind. Konsequent. Danach hatten wir uns wohl so gut zusammengearbeitet, dass er es nicht mehr versucht hat und wir Hügel laufen konnten.
Limitiert wurden die Steigungen aber danach auch noch durch: - im ersten Jahr - die kürzere Haltbarkeit der Klaueneisen, was zu vermeiden war, und - im zweiten Jahr - das halb-aus-den-Schuhen-Schlüpfen der hinteren Füsse ab einem gewissen Grad Steigung, was auch zu vermeiden war, weil es Lothars Kraft reduzierte.

Dieses Jahr hingegen, mit den neuen Schuhen, gibt es diese Limitierung nicht mehr. Und so gehen Lothar und ich in ein neues Kapitel: herauszufinden, wie steil er gehen kann, ohne ihn an den Punkt zu bringen, sich zu verweigern. Und so lerne ich/wir täglich dazu.
Langsam weiss ich, dass er Teerstrassen und Waldwege - eigentlich egal wie steil - sehr gut läuft, solange ich ihn alleine rumkämpfen lasse. D.h. ich laufe mit Abstand vor ihm und er wählt seine eigene Geschwindigkeit und zieht und zieht. Ich darf ihm da nicht dreinpfuschen. Es stört ihn dann mehr, wenn ich neben ihm laufe. Aufpassen muss ich nur, wenn dann Wege abgehen, die weniger steil sind, weil er natürlich ab einem gewissen Punkt lieber dort einbiegt (nur um dann ganz erstaunt zu kucken, dass ich da nicht langelaufen bin). Das gilt aber allgemein nur für kühle Tage. Bei Hitze wähle ich keine sehr steilen Wegstrecken.
Laufen wir hingegen - alles mit Kutsche natülich - steile moosige Wiesenwege, dann ists ziemlich schnell aus. Er nimmt den Kopf nach unten und bleibt stehen, oder versucht Rückwärts zu laufen.
Anfangs dachte ich, dass er einfach nur zu müde, oder zu wenig motiviert sei (eher letzteres). Doch mittlerweile glaube ich, dass ich mir dieses Mehr an Kraft, die eine solche Wegstrecke mit 850 kg Kutsche hintendran bedeutet, gar nicht ausmalen kann (im Vergleich zu Teer und Waldweg). Ein Zeichen dafür war ein verbogener Karabiner am Zugstrang und das Schnaufen und die Anstrengung von Lothar, als ich eine solche steile Strecke nur mit ihm - ohne Kutsche - hinaufging. Ich glaube, dass er einfach schon Mühe hat, seinen eigenen 900kg Leib auf schlechtem Untergrund nach oben zu wuchten. 

Also was mache ich, wenn ich ein solches Stück hoch will?
Wenn es während des Tages ist und wir noch unterwegs sind: nicht laufen. Es gibt andere Wege. Das Risiko ihn langfristig wieder zu verärgern ist zu gross.
Wenn es zu einem schönen Campplatz führt? Das hängt davon ab, wie lange wir dort bleiben wollen. Nur für einen Tag: Kutsche unten stehen lassen und das Wichtigste, was wir brauchen selber hochschleppen.
Aber wenn wir dort länger bleiben dürfen, gar Regen angesagt ist (d.h. mehr Materialbedarf aus der Kutsche und die Kutsche an sich als trockener sicherer Platz für mein Hab und Gut)?
Das hatte ich gerade. Da haben Lothar und ich wieder einiges voneinander und miteinander gelernt. Erstmal habe ich schon vorher Rast gemacht, damit er wieder motivierter ist. Dann habe ich zweidrittel der Ladung abgeladen. V.a. die schweren Fässer und Kisten. Und sichergestellt, dass wir keine Zuschauer hatten, weil wir bei sowas alleine sein müssen. Und dann bin ich mit ihm ganz ruhig in den Berg, und habe - und das war eigentlich das Wichtigste- das Kopf nach unten machen und stehenbleiben, nicht als Verweigerung gesehen, sondern als Ende der Kraft und Pause. Habe ihm verschnaufen lassen, bis er selber wieder den Kopf hochgetan hat. Ich habe ihn aber auch nicht zurückweichen lassen. Und ihn nicht abdrehen lassen. Und dabei NIE die Peitsche an ihm eingesetzt, sondern nur neben ihm, wenn er abdrehen wollte (ihm also den Weg damit zu versperren). Das Führseil habe ich mir - sehr gefährlich ich weiss -  um die Hand gewickelt und mich komplett in den Berg eingekeilt, damit er nicht zurück konnte (klappte nicht immer) und mitgezogen. Und so haben wir auf 6 Anläufe das extrem steile, wiesig-moosige Stück Berg „bezwungen“, muss ich da schon sagen.
Danach habe ich den verschwitzten Lothar erstmal als den besten, tollsten und stärksten Ochsen überhaupt gelobt.  Da ich diese Platzwahl ja für MICH getroffen habe (weil uns da erstmal niemand so schnell sieht) wusste ich auch, was ich dann zu tun hatte:  Lothar abspannen, ihm einen Zaun bauen und grasen lassen und dann alleine für die nächste Stunde wieder in das steile Stück steigen um meine Sachen, die ich unten entladen hatte, selber hochzuschleppen.

Montag, 22. Juni 2015

Die Funklöcher des Schwarzwalds

Sie haben mich jetzt mehr als zwei Wochen ohne Internet gelassen. Dafür bekommt ihr jetzt zwei Berichte auf einmal!

Darf ich auch über Monster schreiben?



Mit der Zeit wird auch die Wanderschaft zum Alltag. Die Erlebnisse werden weniger intensiv, dafür wird das Reisen an sich leichter. Die Probleme rauben mir nicht mehr den Schlaf, ich weiss, dass wir immer irgendwo eine Wiese bekommen und uns die Leute freundlich gesinnt sind. Das Vertrauen in die Tiere ist stark und ich weiss sie in fast jeglicher Situation einzuschätzen.
Und so kehrt er ein, der Alltag. Auch hier, auf der Strasse.

Doch je weniger intensiv das Erlebte, um so weniger habe ich aber leider das Gefühl mich weiterzuentwickeln. Und dann kann es passieren, dass es mir die Tiefe meiner Reise entgleitet.
Und mit ihm tauchen sie wieder auf, die kleinen Monster in mir, die mir ziemlichen Müll in die Ohren reden. Und Gefühle in mir aufsteigen lassen, die ich überhaupt nicht will und deren Sinnlosigkeit mir klar bewusst ist.
Und dann steht er manchmal einfach da: der Neid z.b. oder der Drang nach materiellem Besitz. Nach äusserem Reichtum und nicht nach Innerem und das mit all seiner Kraft und dem elendigen Rattenschwanz, den er mit sich bringt.

Doch kaum steht dieser ungefragt in meiner Tür verschwindet die tiefe Liebe zum Leben aus dem Fenster. Ist weg und davon, im selben Augenblick. Keine Sekunde können Neid und Liebe in einem Raum sein. Und jegliches Gefühl von Getragen sein, Eingebettet sein und in Bewegung sein ist weg. Erstarrt.
Wahrscheinlich hat mich gar schon vorher die Liebe verlassen und damit überhaupt erst Platz gemacht hat für den Neid.

Und dann laufe ich und bin innerlich starr, verkrampft, kalt und zu.

Das heisst ich habe dann nichts: weder das was ich mir denke nie zu besitzen, noch die Offenheit und Lehre, die ich auf dem Weg sonst finde. Fein, toll gemacht, Eva!

Und dazu der erwähnte Rattenschwanz: auf einmal ist mir Lothar zu langsam! Ich treibe ihn an, bin unzufrieden mit ihm („du läufst doch grad nur so langsam um mich zu ärgern!“), das bringt mich noch mehr in meine innere Unzufriedenheit. Und Lothar kehrt sich sofort von mir ab, wird mir fremd. Schaut mich nicht mehr an und ist in sich gekehrt. Und ich ekel mich vor mir selbst.

In diesem Zustand kann ich mir selbst auch nicht mehr erlauben Zeit zu haben. Denke sie nützen zu müssen. Nur äusserlich produktiv natürlich! Alles andere zählt in diesem Zustand nicht.
Ich sehe nicht mehr die Gnade meiner Reise, sehe nicht mehr den inneren Weg in ihr. Und bin dann erstaunt, wenn sie mir von anderen Menschen vor Augen geführt wird.

Der Weg zurück in die Langsamkeit und die Freude ist viel schwieriger und länger und steiniger. Es braucht viel Zeit und Kraft um mich wieder zurück in mich zu bewegen. Und viel viel Willen dazu. Harte Arbeit! Aber dann taucht auch Lothar an meiner Seite wieder auf. Ganz langsam. Er ist da ein guter Spiegel.
Ich wünschte, ich könnte ihn ganz hinter mir lassen, diesen Teil in mir, der auch mal so vermonstert sein kann.


Kennt jemand von euch die 10 Ochsenbilder aus dem Zen Buddhismus (z.B. http://www.azentrix.de/page11/page11.html)? Da hat mich jetzt schon zwei mal jemand drauf aufmerksam gemacht und neulich habe ich sie nachgegoogelt. Und im Bild 4 wird eigentlich genau das beschrieben was ich oben schrieb. Da musste ich schon schmunzeln.

Filprojekt EVA

Der Film ist fertig! Soweit fertig, dass er - wie mir von der Fachfrau erklärt wurde- branchentypisch jetzt erst auf Filmfestivals gezeigt wird, um dann seinen weiteren Weg gehen zu können.




EVA
2015 - EXPERIMENTELLER DOKUMENTARFILM - FARBE - 5.1
LÄNGE: 85 MIN. - DEUTSCH MIT ENGL. UNTERTITELN

Eine junge Frau zieht durch die Lande.
Die Hündin "Piz" und der Ochse "Lothar" sind ihre treuen Begleiter.
Sie setzt einen Fuß vor den Anderen,
während Füchse schreien und Züge vorbei brausen.
Auf ihren sonnenverbrannten, starken Schultern trägt sie unendliche Weite.

Wenn der alte Mond langsam über das Firmament rast,
kommt der Schlaf mit schneeweißer Milch und dunklen Mauern.
Aber Evas Vertrauen ins Leben vertreibt diese Alpträume.
Der Regen verwischt die Grenzen zwischen Ende und Anfang
und die Zeit wächst in knorrigen Ringen um den Ursprung.

"Episch, archetypisch und kraftvoll - diese zeitlose Straße ins Nirgendwo
ist gleichermaßen eine Ode an die Freiheit (der Bewegung) und ein spirituelles
und sinnliches Abenteuer. Aufbauend auf wechselnden Geschwindigkeiten,
wechselndem Licht, Zusammenstössen der Dimensionen, ultra-langsamen Bildfolgen, extrem inspirierten visionären Aufnahmen und den Versen eines isländischen Gedichts aus dem 13. Jahrhundert. 
Ein hypnotisierendes Werk von Melanie Jilg."
Katalogtext Visions du Réel 2015 - Paolo Moretti

Kontakt: kontakt(aet)melanie-jilg.de
weitere Infos: www.melanie-jilg.de


Montag, 8. Juni 2015

Irgendwann in Zukunft

Irgendwann in Zukunft werde ich mal ungefähr zwei Jahre pausieren müssen. Damit mir Lothar ein neues Zugochsengespann (ja, als nächstes sollen es zwei Zugochsen werden) ausbilden kann. Und das möchte ich stationär irgendwo machen, bis deren Klauen gross genug sind in Hufschuhe zu passen und sie stark genug sind, lasten zu ziehen.
Und deshalb stelle ich langsam in die Welt, dass ich dafür einen schönen Ort finden möchte. Wo es möglich sein wird zu leben, zu trainieren und zu arbeiten.

Was für ein Ort dies sein soll ist ganz offen. Es könnte entweder nur eine Wiese sein mit Unterstand für die Tiere, wo ich dann in meiner Kutsche lebe und woanders arbeiten gehe. Oder eine Landwirtschaft, wo es, aus was für Gründen auch immer, über einen längeren Zeitraum gut wäre, wenn noch jemand vielseitig mit anpackt. Aber nebenher eben genug Zeit bleibt, die Kälbchen zu trainieren. Schön wäre es natürlich, wenn auch Lothar auf diesem Betrieb arbeiten dürfte, oder es gar andere Zugtiere gibt.

Neulich bin ich an einem Bauernhofmuseum vorbeigelaufen. Und hab mir gedacht, dass wir auch in sowas gut reinpassen würden, weil ja die Arbeit mit Ochsen und das anlernen neuer Tiere interessant sein kann für viele Menschen.

Nun könnte man ja meinen, dass Lothar eigentlich mit seinen sieben Jahren noch viele Jahre meine kleine Kutsche durch die Welt ziehen könnte. Doch ich selber bin mir da nicht so sicher. Diese Saison hatte er zwar noch keine Probleme mit seinen Vorderfüssen, doch manchmal auch wieder so gestörtes Allgemeinbefinden unbekannten Ursprungs. Weshalb ich nicht sicher bin, ob es nicht langsam an der Zeit wird, sich um seine Nachfolge zu kümmern, solanger er fit genug ist, die Ausbildung für mich zu übernehmen. Lothar kann den Kälbchen einfach durch seine ruhige Art viel schneller Vermitteln vor nichts Angst zu haben und hält sie auch besser, sollten sie mal versuchen durchzugehen.

Als Lothars Nachfolge, nein das klingt zu Schlimm, vielleicht sollte ich besser sagen: Lothars Hilfe, werde ich ungarische Grauviehrinder nehmen.  Mit einer der schönsten Kuhrassen auf Gottes Erdboden, sehr guten, harten Klauen und leichtfüttrig.

Es kommt sehr auf Lothar diesen Sommer an, ob wir schon ab nächstes Frühjahr einen Ort anpeilen, oder erst für ein Jahr drauf.
Wo das sein wird? Falls ihr was hört oder wisst, oder euch eine Idee kommt, egal wie ausgefallen: lasst es mich wissen!

Freitag, 29. Mai 2015

Tune your ox


Bei dem eben erwähnten französischen Zugrinderleutetreffen wiederrum traf ich eine schweizer Bekannte, die jetzt auch die Swiss Boots, also die Schuhe, die Lothar trägt, an ihren Kühen ausprobiert, aber in einer von einem anderen Schweizer weiterentwickelte Version. Diese Schuhe hatte sie auch als Ansichtsexemplar dabei.
Und da hatte ich dann einen Schuh in der Hand, der genau das als Verbesserung hat, was ich mir bei Lothars Schuhen immer gewünscht hatte.
Prinzipiell war ich ja sehr zufrieden mit den Swiss Boots, v.a. mit ihrer Langlebigkeit (ein Satz Schuhe für mehr als 1500km Kutscheziehen), doch bei den hinteren Füssen war ihr Einsatzgebiet eingeschränkt, da deren Klauen beim bergauf Ziehen immer ein Stück herausrutschen konnten und Lothar dann eher auf der Kante lief, als auf der Sohle. Anfangs dachte ich noch, ich hätte die Schuhe einfach nicht gut genug angepasst. Doch egal was ich tat, dieses 1-2cm Herausrutschen konnte ich nie verhindern. Auch im Matsch nicht, wo ich regelmässig auf Schuhsuche gehen durfte.
Herr Balmer hat den Schuhen jetzt ein anderes Verschnürsystem verpasst, was mir auf Anhieb logisch erschien.
Natürlich rief ich ihn am nächsten Tag gleich an. Ob er mir dieses neue System nicht zuschicken könne. Wirklich begeistert klang er nicht, doch willigte schlussendlich ein, nachdem ich ihm meine Situation erklärt hatte.
Einen Tag später jedoch rief er mich an, hatte er in der Zwischenzeit meinen momentanen Aufenthaltsort auf der Karte nachgesehen. Er würde kommen und Lothars Schuhe selber anpassen, wenn Lothar schön die Füße gibt (was er glücklicherweise ja tut). Meine Bedenken, ich könne mir ihn aber nicht leisten (hatte er doch vorher was von zwei Stunden Anreise gesagt!), wischte er mit dem Argument beiseite, er würde es als Ausflug sehen.
Dazu sagte ich natürlich nicht nein und so machten wir einen Termin für den nächsten Tag.

Lothar hat sich dann auch tatsächlich von seiner besten Seite gezeigt. Bevor es ans Schuhe anpassen ging, wurden ihm auch noch die Klauen geschnitten, aber erst nachdem ich mir einen Vortrag darüber anhören musste (durfte?), dass ich sie nicht korrekt schneiden würde. Es hat mich schon einer grossen inneren Überwindung gekostet, Herrn Balmer da machen zu lassen.
Denn selbst wenn ich Lothars Klauen nicht richtig schneide, so weiss ich doch, dass er mir so schon zwei Jahre gute Dienste leistet ohne auszufallen. Wer konnte mir versprechen, dass das mit der anderen Technik auch so sein wird?
Und jeder Klauenpfleger hatte bisher immer seine eigene, neue, andere, bessere Wahrheit über den Klauenschnitt (die sich natürlich mit der Wahrheit der anderen nie deckt).
Zulassen, es mal anders auszuprobieren, konnte ich es dann aber trotzdem, denn ich wusste, dass ich auf der Wiese wo ich war, auch noch ein paar Wochen hätte bleiben können, falls was schief gegangen wäre. Diese Sicherheit habe ich schon gebraucht.    
(Und ich muss im Nachhinein eingestehen, dass seine Klauen jetzt wirklich besser aussehen, aber das schreibe ich nur ganz klein).
Der Hufpfleger war insgesamt 3 h mit Lothar  beschäftigt und hat dann nicht einmal mehr Zeit für einen Getreidekaffee am Camp gehabt, weil er ja wieder zwei Stunden nach Hause fahren musste.
Er hat Lothar und mir ein ganz grosses Geschenk gemacht mit seiner Anreise und der vielen Arbeit. Vielen Dank, Herr Balmer, vielen Dank horseboot.ch

Also was genau ist alles anders?
Die Fotos zeigen jeweils noch den alten Schuh (kleinerer Grösse) im Vergleich (der aber ein bisschen zerknautscht ist vom Transport)




Änderung #1: die hintere Wand ist auf die Hälfte der Dicke runtergehobelt. So ist sie elastischer und verhindert zu starken Druck auf die Ballen (angeblich ohne die Lebensdauer der Schuhe zu verringern. Ich werds sehen!). Auf dem Foto kann man sehen, dass sie so auch individuell anpassen kann (rechts ist mehr ausgebäult als links).

Änderung #2: die V-Förmige Verschnürung hält endlich den Ballenbereich wirklich im Schuh fest, ohne zusätzliches Spiel. Das hat den Vorteil, dass Lothar sich den Schuh nicht mehr beim bergaufziehen halb oder im Matsch sogar ganz abstreiffen kann. Und es hat den zusätzlichen Vorteil, dass der Schuh nicht wie vorher ganz fest an der Klaue sitzen muss, damit er nicht abgeht, sondern im Schuh selber mehr Platz sein darf. Das finde ich natürlich grad für den Paarhufer sehr gut.


Änderung #3: Der Schlitz vorne im Schuh ist weiter geöffnet. Auch das gibt der Klaue mehr Bewegungsmöglichkeit.




Jetzt teste ich die Schuhe gerade seid eineinhalb Wochen ausgiebig mit Lothar. Wir gehen sehr steile Wegstrecken, teils auf ungutem Strassenbelag (frisch gemachte Waldwege mit losem grossen Schotter, unebene, mit Steinen durchzogene Waldwege) und ich mache die Schuhe auch schon in der früh dran, wenn Lothar die Kutsche erst aus einer matschigen Wiese rausziehen muss. Bisher undenkbar, wenn ich nicht den Rest des Vormittags für das Suchen eines Schuhes im Matsch verbringen wollte.
Bisher bin ich von Tag zu Tag glücklicher über die neuen Schuhe, weil Lothar tatsächlich nicht mehr herausrutscht. Kein einziges Mal! Ich möchte aber erst noch mehr Erfahrungen mit ihnen mache, bevor ich euch einen wirklich repräsentativen Bericht geben kann.

Sonntag, 24. Mai 2015

Pimp your kutsche

Zwei Wochen auf ein und der selben wunderschönen abgelegenen Wiese mit Zugang zu einer Werkstatt. Das hat mich doch dazu veranlasst, mal seid langem fällige Reparaturen an meiner Kutsche vorzunehmen. Anfangs wars nur ein Projekt, schlussendlich wurdens doch drei/vier.
So hat meine Kutsche jetzt neue VORDERREIFEN. Niemand kann behaupten, dass dies nicht nötig gewesen wäre. Gut waren sie bei Abreise schon nicht gewesen. Rechts konnte man das Profil in Platten entlang der Risse abnehmen, die Einblick in das Innenleben eines Reifens gaben. Links gabs gleich gar kein Profil mehr und er war gefüllt mit Reifen-Pilot, also Aufpumpschaum für defekte Reifen. Laut Herstellerangaben sei das nur eine Notlösung und man müsse umgehend die nächste Autowerkstatt für einen Wechsel aufsuchen. Naja, bei mir ist er 1 1/2 Jahre mit dem Schaum gefahren. Doch schlussendlich hat auch uns der Schaum verlassen und der Reifen keine Luft mehr gehalten woraufhin die nett gemeinten Rufe: „Sie haben einen Platten!“, meinen Weg und mein Gemüt pflasterten. Zwei Tage vorher hatte ich netterweise gebrauchte Reifen der selben Grösse aber auf anderen Felgen geschenkt bekommen. Also auf mit Lothar und Kutsche zur Autowerkstatt nach Ehrenstetten. Mein Angebot, die Kutsche einen Tag (zwischen den schicken Autos) stehen zu lassen wurde sofort mit der Aussage: „Das machen wir gleich dann kann das Ding wieder vom Hof“, abgelehnt. Also wurde Lothar für eine halbe Stunde an einen Baum gebunden und die Reifen wurde auf die alten Felgen aufgezogen. Dass einer der neuen Reifen gleich noch am selben Tag einen Platten hatte und ich wieder zur selben Autowerkstatt musste, verschweige ich lieber, sonst wird der Text zu lang. Erstes Projekt abgeschlossen.
so viel Profil hat meine Kutsche noch nie gesehen

Dann war mein toller, heissgeliebter, höchst wertgeschätzter, treuer Wegbegleiter, mein Ofen, durchgerostet! Der Boden schon länger, doch seid diesem Frühjahr auch der Ausgang zum Ofenrohr und die Hinterwand hat schon auf Fingerdruck nachgegeben. Kein gutes Zeichen. Ich dachte, dass sich das von geschickten Handwerkerhänden aber sicher reparieren oder aussteiffen liesse, doch winkten die beiden Männer, denen ich den Ofen zeigte nur ab. „Der ist durch“, hiess es. Aber das konnte doch nicht sein? Was sollte ich da tun? Ohne Ofen weiterziehen? Mongolische Jurtenofen gibts ja auch nicht an jeder Ecke. Nachdem Lothar und Piz und ich also einen Tag ergebnislos die Handwerker von Kirchhofen und Ehrenstetten abgeklappert haben, kam mir glücklicherweise der Gedanke, dass nach Deutschland ja alles importiert wird, also vielleicht auch mongolische Jurtenofen. Und tatsächlich, sogar zwei Seiten fand ich im Internet und eine Mongolin aus Berlin schickte mir auch sofort einen per Post zu. Damit dachte ich, dass auch dieses Projekt abgehakt sei, doch leider kam der neue Ofen zwar mit schickem Muster, doch leider ohne Aschefach und mit zu tiefer Brennfläche. Dafür fand sich aber sofort ein geschickter Handwerker (schade, dass ich den nicht gleich am Anfang gefunden hatte), der mir eine einfache, aber geniale Lösung aus einem gebrauchten Grill hineinbaute.

Angefeuert habe ich den neuen Ofen aber doch erst, als ich mich von dem schönen Platz und somit auch altem Ofen wieder verabschiedet habe. Denn solange ich auf dieser Wiese war, war ich meinem alten Ofen doch aus tiefstem Herzen loyal.

Meiner Kutsche habe ich als nächstes die Seitenwände und die Rückwand erhöht. Vorher haben mich einige Dinge meiner Kutsche eigentlich nur dank straff gespannter Plane nicht verlassen, wenns mal stärker rumpelte. Doch jetzt gäng es auch ohne Plane (werd  ich aber natürlich nicht machen. Wer gewährt schon allen Menschen einfach so einen Einblick in sein privates Wohn-/Schlaf-/Badezimmer mit Küche und Werksatt?). So werde ich natürlich auch versucht sein dem armen Lothi noch mehr Gewicht aufzupacken und wenns nur mehr trockenes Brennholz ist.

Und zu guter Letzt habe ich mich noch mit meiner nicht funktionierenden Bremse gespielt. Und die alte VW- Handbremse durch einen längeren trockenen Eichenholzstab ersetzt, der die Bremsseile auf einer längeren Strecke anziehen kann und dies doch tatsächlich dazu führt, dass die Kutsche gebremst werden kann. Sie ist noch ein bisschen umständlich zu bedienen, aber ich denke Lothar ist trotzdem dankbar. Meist vergess ich eh noch ihre Existenz, weil ich ja nichts anderes gewöhnt war als Lothar als Bremse, doch bei lang abfallenden Hängen setze ich sie schon mal ein. Der Bremshebel hat jetzt so viel Kraft, dass mir sicher was anderes dadurch früher oder später kaputt gehen wird. Die alten Bremsseile z.B. oder das Fichtenholzbrett, wo alles draufmontiert ist, aber auch das wird eine andere Geschichte sein.

Und das war dann auch alles gewesen. Dazwischen habe ich noch meinen Freunden geholfen, Klauen geschnitten, Schuhe angepasst, bin beim Zahnarzt gewesen, hab diverseste Kinder auf Lothar reiten lassen, ich war sogar an einem Tag auf dem französischen Zugrinderleute Treffen gewesen. Insgesamt war es eine wirklich schöne Zeit und ich musste mir tatsächlich schon ein bisschen in den Hintern treten meine Sachen nach zwei Wochen wieder zu packen.

Samstag, 16. Mai 2015

Ein Raum in mir

Ich hatte keinen Grund anzunehmen, dass ich mit Lothar aus einem anderen Region heraus arbeite und versuche zu kommunizieren wie meinem Kopf oder meinem Herzen. Aufgefallen ist es mir aber, als ich am Ende unserer ersten Saison mal mit einem anderen Tier, einem Pferd, arbeitete und merkte, dass ich zwar sehe, aber nicht mit ganzer Wachheit, dass ich zwar höre, doch nicht mit ganzer Wachheit, sondern sich mein , ja was, Bewusstsein auf einmal unterhalb meines Herzens befand, irgendwo im Bereich unterhalb des Brustbeins.  Und erstaunlicherweise reagierte das Pferd, solange ich mich dort befand, sehr sensibel auf meine Kommandos. Doch wie kam mein Bewusstsein auf einmal da hin, wo kam dieser Raum auf einmal her?
Nachdem mir das aufgefallen war realisierte ich erst, dass ich um Lothar immer in diesem Raum war. Und so nannte ich ihn im Stillen meinen Tier-Raum. Und ich versuchte diesen Raum weiter zu beobachten, während ich mit Kühen oder Pferden arbeitete. Bei Piz ging es mal gar nicht, bei ihr muss ich immer im Kopf sein und hellwach. Hellwach bin ich auch in meinem TierRaum, aber es ist eine andere Form der Wachheit. Über die Jahre wurde er mir dann vertrauter und die Erfahrungen vielseitiger. Klar wurde mir, dass ich einen viel besseren Zugang zu Tieren habe, dass sie viel schneller wissen, was ich von ihnen will, wenn ich es nicht im Kopf will, sondern im TierRaum. Wenn ich so durch eine Herde gehe bleibt diese ruhig. Ich scheine aber auch wie kein Interesse an den Tieren zu haben, schaue ihnen nicht in die Augen , Körperhaltung entspannt. So viel gibt es da noch für mich zu lernen.
Langsam wird mir aber klar, dass dieser Raum nicht nur für die Tierkommunikation da ist. Ich beginne mich zu fragen, wie es ist Menschen mit dem Bewusstsein im TierRaum zu begegnen. Da stosse ich aber schon sehr schnell an meinen Grenzen. Denn im Umgang mit Menschen muss man ja so oft was sagen, schnell auf gehörtes reagieren und das sollte auch noch klug sein. Aber da unten finde ich erstmal noch keine Worte und da unten bin ich auch nicht schnell. Daher war das bisher noch nicht wirklich fruchtbar.
Doch ich lese und höre immer häufiger, dass Menschen von genau einem Raum in dieser Position berichten. Ob aus der Arbeit mit Tieren, oder aus völlig anderen Richtungen, Qi-Gong zum Beispiel. So fühle ich mich weniger "verrückt" und wage es auch mehr darüber zu sprechen.

Samstag, 9. Mai 2015

Winter einer Oxnfrau

Auf Island hat mir mal jemand erzählt, dass in der Zeit, in der  wir „Südländer“ ein ganzes Jahr durchlaufen, die Isländer nur einen langen Tag und eine lange Nacht leben würden.
Und so ähnlich fühlt sich mein Leben an.
Von Frühling bis Herbst bin ich nur draußen, den ganzen Tag und die ganze Nacht, treffe täglich viele Menschen und lebe meinen Rhythmus und meine Geschwindigkeit.. Darüberhinaus richtet sich meine Aufmerksamkeit auf das Wohlergehen von genau nur drei Wesen.
Ja und im Winter halte ich Winterschlaf. Arbeitsreichen Winterschlaf. Ich arbeite und schlafe und das in vier festen Wänden.

Die Wände haben mich im ersten Winter schier verrückt gemacht nach den vielen Monaten im Zelt. Dabei waren es eigentlich nicht die Wände, sondern dass hinter den Wänden andere Menschen gewohnt haben und ich mich deshalb immer so „klein“ machen musst. So klein wie eine Schachtel hat sichs angefühlt. Diesen Winter hatte ich mein Zimmer alleine unter dem Dach und das war viel besser. D.h. ich hatte über allem mein eigenes Reich und über mir war nichts mehr. Nur das Dach und der Himmel. Ein ganz anderes Gefühl.
Habe ich am Anfang noch aus Gewohnheit immer das Fenster offen gehabt egal wie kalt es war, hab ich irgendwann wieder gelernt wie schön es ist in ein beheiztes Zimmer zurückzukommen abends. Was ein Luxus. Und für diese Wärme musste ich nicht mal was tun! Kein Feuerholz sammeln, keinen Ofen anfeuern und warten bis es dann mal warm ist. Nein, ich musste nur den Heizkörper aufdrehen. Völlig verweichlicht bin ich im Winter! :-)

Die 65 h Woche ist schon sehr anstrengend und verlangt meinem Körper viel ab. Aber, so denke ich mir oft im Winter, wenn ich schon so viel arbeite, dann ist es doch super, dass ich die ganze Zeit in guter Gesellschaft bin, nämlich in Kuhgesellschaft. Und obwohl die Stallarbeit im Winter jeden Tag das selbe ist, wird mir diese Arbeit nicht langweilig. Solange ich mich um „meine“ Kühe kümmere und alles mehr oder weniger mit ihrem Wohlergehen zu tun hat. 

Ich glaube, dass ich die Familie, bei der ich diesen Winter gewohnt habe, ziemlich vor den Kopf gestossen habe damit, dass ich entweder gearbeitet oder geschlafen habe. Und nicht noch gesellig war abends. Doch mein Körper kann nach so viel Arbeit nicht noch sozial sein, sondern braucht die Regeneration. Und von Menschen werde ich ja um Sommer so viel umgeben. Reden tu ich im Sommer wirklich genug.
Und da bin ich auch schon bei dem tollsten Aspekt des Winters: dem „Übersehen- Werden“. Ich kann durch eine Stadt oder einen Raum voll Menschen gehen und niemand schaut mich an. Der Blick der Leute bleibt nicht an mir hängen, sondern gleitet von mir gleich zum nächsten. Ich werde für nicht interessant gehalten, solange kein Lothar neben mir steht und das ist nach dem vielen Fotografiert werden, auch mal erleichternd. Ich verschwinde also für andere Menschen, ich taucht unter. Ich arbeite, gehe in die Badewanne und schlafe. Sonst nichts. Und schon gar nicht beantworte ich Fragen.

Nach der Langsamkeit des Sommers ist es nicht immer einfach, wieder in den schnelleren Arbeitsrhythmus zurückzugehen. Hingegen kann ich mir einige Qualitäten des Sommers im Kuhstall beibehalten. Am meisten wohl die Tatsache, dass das, was ich tue zu 100% tue. Also auch den Kuhstall. Die Wachheit und Aufmerksamkeit im Umgang mit den Tieren. Die Ruhe, alles zu versuchen Wahrzunehmen und die Gründlichkeit mit der ich die Sachen machen.
Wenn natürlich von mir verlangt wird, dass ich die Arbeit schnell mache, Hauptsache sie ist gemacht, damit noch mehr Arbeit in den Tag rein passt wird es schwierig. Nicht weil ich das nicht könnte, aber weil ich dann nicht mehr den Überblick über meine Kühe habe, über ihren Gesundheitszustand, Stierigkeit, o.ä. Da hört dann die Freude in der Arbeit auf.

Es ist natürlich auch ein gewisses Risiko, nach nur einem Vorstellungsgespräch sich für einen ganzen Winter zu binden, und mit anderen Leuten zusammenzuleben und zu arbeiten. Und sich ja auch dem Tempo eines anderen Betriebes unterzuordnen. Natürlich verläuft sowas nicht immer reibungsfrei.

Im Grossen und Ganzen bin ich aber schon zufrieden mit den Wintern. Und dem, dass es einfach funktioniert im Winter Arbeit zu finden, die uns ermöglicht, im Frühjahr weiterzulaufen, auch wenn ich erst Mitte September anfange zu suchen. Und dass ich es nun schon mehr als zwei Jahre schaffe meinen Ochsen, meinen Hund und mich gut zu versorgen und trotzdem dieses Leben zu leben.

Donnerstag, 30. April 2015

2015 Wohin geht die Reise?


Bisher konnte ich diese Frage zumindest mit einer Himmelsrichtung beantworten: Richtung Westen. Jetzt bin ich aber so weit im Westen wie ich westlicher nicht wollte. Also wie kann es weiter gehen?
Ein Ziel mir zu legen, finde ich immer noch genauso unsinnig wie vor zwei Jahren, kam also nicht in Frage. „Kann man, bzw. frau, bzw kuh eigentlich auch Kreise in der Landkarte laufen? Oder Zickzack?“ ging es mir diesen Winter durch den Kopf. Könnte man nicht eigentlich auch die Himmelsrichtung Himmelsrichtung sein lassen und tagtäglich neu entscheiden, in welche Richtung man will? Eine weitere Möglichkeit wäre auch sich einfach zu erkundigen, wo interessante Menschen wohnen und sich davon leiten lassen. So dachte ich während ich die Kühe melkte.

Also wohin geht es dieses Jahr?
Noch bin ich ja im Freiburger Raum, also dort, wo ich vor 10 Jahren studiert habe. Weitläufig um diese Stadt herum gibt es noch einige Menschen, die mir wichtig sind und die ich mit Lothar noch besuchen möchte. Und wenn all diese Menschen besucht sind, dann ist vielleicht schon wieder eine neue Idee oder Himmelsrichtung geboren.
Doch der Gedanke kreutz und quer zu laufen gefällt mir eigentlich sehr gut. Denn auch wenn wir uns in den letzten Jahren nur mit durchschnittlich 3kmh fortbewegt haben, sind wir an erstaunlich vielem „vorbeigerast“. Viel habe ich übersehen. Oder habe von interessanten Menschen, Projekten oder Landschaften erst gehört, als ich lange dran vorbei war.

Was antworte ich dann den Menschen am Wegesrand auf die Frage: „Wohin geht die Reise“?


Donnerstag, 23. April 2015

Frühlingserwachen

das Begrüßungsbild meiner Mutter

Es geht weiter!
Die Arbeit bei St. Gallen ist abgeschlossen und die Reisekasse neu gefüllt. Also steht nichts im Wege, uns wieder auf den Weg zu machen.

Am Freitag habe ich Lothar erstmal nur besucht. Denn bevor ich ihn zu mir und der Kutsche holen wollte, musste er noch einiges über sich ergehen lassen. Seine schützende Dreckschicht wollte ich ihm beispielsweise abkratzen, die er sich über die Wintermonate immer anschafft, da er Klo- und Bettbereich nicht auseinander halten will. Dies geht nur mit viel Zeit, viel Rupfen, Schermaschine und Geduld. Und seine Klauen mussten natürlich wieder geschnitten werden. Nun schaut er annehmbar aus (wenn auch fleckig) und so sieht man auch, dass er über die Wintermonate wieder einiges an Gewicht zugelegt hat. Ein bisschen Fett da, ein bisschen Fett dort. Vielleicht wiegt er jetzt sogar eine Tonne.

Die ersten Probefahrten in den letzten Tagen haben gezeigt, dass er ziemlich Dampf hat. Einerseits ist dies der Trennung von seiner Winterherde zuzuschreiben und andererseits dem Energievorrat eines ganzen Winters. Die täglichen Übungsfahrten waren natürlich wieder super für die Kinder hier im Dorf. Alleine waren wir also noch nie mit der Kutsche unterwegs. Auch das war wieder gutes Training für meinen Ochsen.

Und so nehmen Lothars Augen langsam wieder den ruhigen entspannten Ausdruck an, den ich von ihm gewohnt bin. Und auch seine Geschwindigkeit wird wieder ochsenhafter. Er muht nicht mehr und untersucht sehr interessiert alles, was ich wieder auf die Kutsche packe.

Morgen ziehen wir wieder los. Die Obstbäume blühen, da kann uns nichts mehr aufhalten!
Und damit erwacht auch der Blog wieder aus seiner Winterruhe.  Einmal die Woche werde ich jetzt wieder schreiben.
Willkommen zurück!





Donnerstag, 30. Oktober 2014

Tschüss
 und alles Gute!

Bis nächstes Jahr!


Danke allen, die meinen Weg begleitet haben! 

Jetzt sitzen Piz und ich im Zug. Wir fahren gerade in 14h die Strecke zurück, für die wir mit Lothar 2 Jahre gebraucht haben.
Lothar hingegen steht im Schwarzwald bei seiner neuen Herde. Diesmal ging die Eingewöhnung nicht mehr so ganz rasant wie letztes Jahr, wo er ab der ersten Minute kein Interesse mehr für mich gezeigt hat. Vielleicht ist er auch mittlerweile schon ein drittel Mensch und ein drittel Hund, wie eben der Rest seiner Sommerherde. Und muss sich seines Kuhseins erst wieder erinnern.
Gestern war ich noch zwei Stunden auf ihrer schönen Weide bei sommerlichen Temperaturen. Habe ihnen zugeschaut und war teils umringt und Teil von ihnen. Hab ihn auch noch geritten, nachdem ich merkte, dass er auch noch den Kontakt zu mir gesucht hat. Dann habe ich sie aber in Ruhe gelassen bin nur zum letzten Verabschieden zu Lothar gegangen und wollt ihn nochmal kraulen. Doch da hat er mir gezeigt, dass er jetzt zu seinen Damen gehört. Ist weg von mir und hin zu ihnen und hat angefangen eine ganz intensiv zu lecken.
Das hats mir dann leichter gemacht ihn dort zurückzulassen.

Das war also unsere zweite Saison gewesen.
Und mit mir wird auch dieser Blog wieder in den Winterschlaf gehen. Wer im nächsten Jahr benachrichtigt werden will, wenns wieder weiter geht, kann mir eine Email schicken und wird dann von mir im Frühjahr informiert.

Wie es nächstes Jahr weiter gehen wird weiss ich noch gar nicht. Doch dass diese Art von Leben mein Leben ist und mich noch länger begleiten wird, das spüre ich. Und das erfüllt mich mit Freude. Und nur ganz manchmal mit Angst.

Auch wenn ich mal zwei Jahre an einem Ort bleiben werde, dann wird das auch nur deshalb sein, um mir ein zukünftiges Zugochsenpaar auszubilden, damit es dann mit neuer junger Energie weitergehen kann.

So vieles gibt es noch für mich zu lernen. Zu viele Fragen habe ich noch.

Freitag, 17. Oktober 2014

Ein kleiner Einblick in die Saison 2014

Der viele Regen hat mich auf den Hut gebracht
Emma mit Molli



Eine Pause nach Lothars Geschmack. Zwei Schubkarren voll Heu waren kein Problem und wäre ich nicht eingeschritten wärens auch noch mehr geworden




900kg wiegt Lothar 2014


Auf dieser Wiese fand jeder seinen Platz











 Dem Wunderwunderschönen, so Sanften und sich Bemühenden, ihm gilt wieder all mein Dank und meine Liebe!





Sonntag, 12. Oktober 2014

Fast ists vorbei!

Winterquartiere sind gefunden, zuerst meins, dann der Kutsche ihres und zuletzt erst Lothars.
Es hat wieder geklappt, erstaunlicherweise, innerhalb von drei Wochen.
Lothar wird eine Herde haben. Drei schicke, behornte Vorderwälder/Limousin Kalbinnen werden ihm Gesellschaft leisten. Die erste Zeit werden sie auf einer mir-gehört-die-Welt-Wiese verbringen, auf der auch ich sofort bleiben würde. 2ha, hoch gelegen, im Halbmond umrandet von Wald, mit weitem, offenen Blick in den Schwarzwald.  Im Stall wird er dann noch mehr Gesellschaft haben, aber nur Blickkontakt. Eine Mutterkuhherde, auch behornte Vorderwälder, und ein Stier. Deshalb bin ich froh, dass es nur beim Blickkontakt bleibt.
Ja und Piz und ich werden uns wieder um viele andere Tiere kümmern. Diesmal in St. Gallen. Leider seh ich nur in der Ferne meine geliebten Berge. Aber wir haben wieder einen Stall voll Kühe, das entschädigt, und auch ein paar Schafe (Piz jauchzt!) und diesmal sogar Schweine. Ich bin gespannt. Auch deshalb, weil ich mich 2 h pro Tag um den vierjährigen Sohn meines Chefs kümmern werde. Völlig neuer Aufgabenbereich! Tiere liegen mir ja erstmal näher.
Wie‘s wohl diesmal wird, wieder in festen 4 Wänden zu wohnen? Festgelegten Tagesablauf? 6 1/2 Tage die Woche?

Jetzt gilt es die Kutsche Winterfest zu machen und noch an zwei Kindergeburtstagen einen Haufen Kinder durch die Gegend zu kutschieren. Und Lothars Gegenwart zu geniessen. Von ihm hatte ich jetzt in den letzten drei Wochen, wo es einfach viel zu viel nur ums Organisieren ging, ziemlich wenig.

Und dann ists schon wieder vorbei. Am 20.10 habe ich Ochs und Kutsche in ihr Winterquartier begleitet.
Sind wir nicht grad erst losgelaufen?

Samstag, 4. Oktober 2014

"Eva, wie ist das mit dir und dem Leben?"

„Hmm, ich glaub wir haben uns gern. Und wir spielen miteinander, spielen uns gegenseitig Dinge zu und schauen, wie der andere reagiert."

„Wie soll ich mir das vorstellen?"

„Naja, z.B. so: ich gebe mein Zuhause auf und eine gesicherte Zukunft, ziehe los (halte mich also in langsamer Bewegung) und sage dann zum Leben: ‚hier bin ich, hier stehe ich sozusagen nackt vor dir, was machst du jetzt draus?'
Und dann schaue ich und nehme war und erstaunlicherweise fängt dann das Leben wirklich an, mir Dinge zuzuspielen. Menschen, Ansichten, Plätze, Möglichkeiten die es für mich als solche zu erkennen gilt und wo ich dann sagen kann: „Blödsinn, Leben, was soll ich denn damit?“, oder „Cool!“.  Meistens ist jedoch ein „cool“ und spannend. Und selbst der „Blödsinn“ ist im Nachhinein oft gut. Auf jeden Fall kann das Leben Dinge an mich bringen, von denen ich vorher keine Vorstellung hatte eben dadurch, DASS ich keine Vorstellungen, Pläne, Ziele hatte.
Und so spielen wir schon eine ganze Weile miteinander. Ich schlage neue Wege ein, lerne von ihm, reiche auch manches weiter, halte mich aber immer offen und frei. Und das Leben komuniziert weiter durch Ereignisse mit mir und passt auf mich auf. Im Grunde ist das ziemlich leicht.
Nicht ich lebe mein Leben alleine, noch es lebt mich, sondern ich würde sagen es ist eine Kooperation.“


Samstag, 27. September 2014

Vertrauen ins Leben


Vertrauen ins Leben, das habe ich gelernt durch mein Unterwegs sein, aber es will auch jeden Tag aufs Neue wieder gelernt werden.
Denn wenn sich die Welt auf einmal wieder schnell um uns dreht, meine langsame Welt nicht mehr durch die Schnelle hindurchgleitet, sondern ich in ihr bin, in Städten bin, viele Menschen, Eindrücke und Geschwindigkeiten um mich habe, dann gerät diese Tatsache schnell in Vergessenheit. Sie verschwindet einfach, wird überlagert, übertönt, überfahren. Und mit dem Überlagert-sein einher geht Angst oder vielleicht auch nur Unsicherheit. Aber dies ist ein Teufelskreis, denn diese Angst kappt mich nur mehr ab vom Zugang zum Leben. Macht mich anfällig für noch mehr Unsicherheit, Zukunftsangst, Gier oder Neid.

Und dann muss ich mich wieder herausreissen und wie aufwachen und mich eigentlich schelten. Leben, wie konnte ich dich vergessen? Ich weiss doch, dass du für mich sorgst! Und schon spüre ich wieder die Offenheit, Weite und Vertrautheit und das Getragen sein. Und verstehe nicht ganz, wohin ein so starkes Gefühl von jetzt auf plötzlich verschwinden konnte. Dämlicher Kopf.
Ich wünsche mir sehr, dass ich es eines Tages schaffen werde, dass mir das Grundvertrauen bleibt. Ist noch ein weiter Weg zu gehen, aber unsere Reise ist sicher ein Teil davon.

Freitag, 19. September 2014

Lothar und ich sind pünktlich


Eigentlich wäre es nicht besser planbar gewesen. Ich breche in Ungarn im Mai 2013 auf um im September 2014 pünktlich am Nachmittag vor der Einschulung meines Patenkindes in der Nähe von Freiburg einzutreffen und diesen grossen Tag mit ihm feiern zu können (hab ja genug andere derweil verpasst).
Hätte ich das geplant, hätte es mich ganz schön gestresst und unter Druck gesetzt. Doch so bin ich voller Freude darüber. Doch nicht nur deswegen. Sondern weil mich dieser Bub auch noch die letzten zweieinhalb Tage vor meinem Eintreffen zum grössten Teil ganzallein begleitet hat und mir eine Wiese mit Stall!! organisiert hat, wo ich erstmal bleiben hätte können. Und wir haben eine neue Art der auch über Stunden zufriedenstellenden Fortbewegung für Kinder herausgefunden: er durfte auf Lothar reiten, während dieser die Kutsche zieht.
In dieser Zeit hat er nur leider meine Phobie des ungefragt Fotografiertwerdens übernommen. So dass, wenn jemand mit Fotoapparat am Strassenrand parat stand ohne um Erlaubnis zu bitten, er auch seinen Hut vom Kopf nahm um sein Gesicht zu bedecken.
Doch auch ich habe von ihm übernommen. Nämlich den Menschen am Wegesrand einfach nur glücklich zuzuwinken.
Und so zogen wir von knapp 1000m im Schwarzwald auf Forstwegen Meter für Meter runter auf knapp 400m. Durch Wälder und noch mehr Wälder. Mit Felsen, bemoosten Steinen, Abhängen und einem Schwerholztransporter, der uns leider an einem solchen Hang begnete (Doch Lothar, einfach nur cool, lässt sich an den Abhang stellen, die Räder der Kutsche trennen fast nichts mehr vom Nichts und lässt den riesigen Kolloss vorbei).
Hinab zur Einschulung, wo es warscheinlich den einzigen Bub seid langem gab, der ein Ochsengespann mit Reiter auf seiner Schultüte hatte.

Donnerstag, 11. September 2014

Es ist September, die Abende werden kühler, die Nächte lang und die lange Unterhose schon mal ausprobiert. Das heißt, Lothar, Piz und ich befinden uns langsam auf:
Winterquartiersuche
Was wir suchen ist nicht strikt festgelegt. 
Es könnte sich bei unserem Winterquartier um einen Platz für Lothar und mich zusammen handeln, es darf aber, sollte Lothar eine Herde haben können, auch gern getrennt sein. 
Was braucht Lothar:
Lothar wünscht sich einen Offenstall, oder einen Laufstall, oder eine Weide mit Unterstand, wo er wie gesagt mit anderen Tieren zusammen ist. Keine Anbindehaltung. Er war schon mit Yaks, Pferden, Schafen, Ziegen und Schweinen zusammen auf einer Wiese. Am liebsten sind ihm natürlich Kühe, ist klar. Zum Fressen Heu, kein Kraftfutter.
Was braucht Piz:
Eigentlich am Wichtigsten eines: mit mir zusammen sein zu dürfen. Wenn man sie natürlich selber frägt würde sie sagen: ARBEIT. Also ein paar Schafe, Kühe oder Hühner mit denen sie arbeiten darf. Aber ich sage, das Wesentliche ist, dass sie bei meiner Arbeit mit darf, auch wenns nur Rumliegen ist.
Was brauche ich:
Für mich gilt erstmal, dass ich Lothar und Piz gut versorgt weiss. Natürlich muss ich Geld verdienen, damit es nächste Saison weiter gehen kann. Am liebsten arbeite ich natürlich mit Tieren, aber kann mir prinzipell vieles Vorstellen zu machen. Nicht nur draussen, sondern auch drinnen. Denn ich lerne gerne neues. 
Am meisten habe ich bisher mit Kühen und Schafen und Ziegen gearbeitet. Wie letzten Winter, in dem ich einem Schweizer Bauern seinen Stall gemacht und seine Kühe gemolken habe, damit er auswärts arbeiten gehen konnte. Also irgendwas in der Landwirtschaft wäre schon toll, ist aber nicht zwingend notwendig. 
In Holz habe ich aber auch schon viel gebaut, da brauche ich aber Anleitung.
Generell gilt, dass ich zuverlässlich und handwerklich geschickt bin und nach guter Einarbeitung gerne selbständig arbeite. Auch kann ich den Winter über viele Wochenstunden machen.
Und ich brauche dann natürlich auch eine Wohnmöglichkeit, doch da stell ich keine Ansprüche.

Wo?
Jetzt laufe ich Richtung Freiburg im Breisgau, also für Lothar gerne einen Platz 100km Umkreis Freiburg. Für mich ists egal. Gerne Raum Freiburg, oder im Schwarzwald, sehr gerne aber auch in der Schweiz. Oder auch ganz woanders.  

Zeitraum?
Von 1.11.14 bis 31.3.15 
 
Falls du also irgendetwas weisst, für Lothar oder Piz und mich, dann melde dich bitte telefonisch bei mir. 

Hoffentlich klappts wieder so gut wie letzten Winter!

 

Donnerstag, 4. September 2014

Lothar trifft fast den Verkehrsminister


Bad Urach, Schwäbische Alb. Wer diese Stadt kennt, der weiss, dass es nicht die Gegend für einen Zugochsen ist. Weil es dort entweder 270 Höhenmeter rauf oder 270 Höhenmeter runter geht. Mir wurde zwar gesagt, „da wirds steil“, doch das wird mir oft gesagt, ohne dass es sich gross bewahrheitet.
Nun, diesmal hat es das und als ich die ersten 270m runter bin mit Lothar (auf 2km, d.h. wenn Lothar mit 1-2km/h steil bergab geht, dann hingen wir 2h an dem Berg), graute es mir vor der anderen Seite und ich verfluchte mich und war ziemlich ziemlich ziemlich schlecht gelaunt. Lautstark fluchte ich und bangte, nicht hinter der nächsten Kurve zammgefahren zu werden. Ich hoffe, das haben Lothar und Piz nicht zu arg abbekommen.
Die andere Seite war nun leider genauso steil. Soviel konnte ich sehen. Dort gabs zwei Strassen: eine steil (10%), die andere sehr steil (Steigung 15%). Also entschied ich für uns für steil und wir liefen nächsten morgen los (Gott sei Dank gabs da unten ne Wiese. Hätt ja auch sein können es gäb nur Fluss und Bundesstrasse).
Bald versperrten mir zwei Strassenmeisterrei Autos den Weg und ich bat sie zur Seite zu fahren. Diese Männer sagten mir, dass seit einem Jahr die weniger steile Strasse gesperrt sei und nur die sehr Steile offen sei. Die andere hätte aber heute Einweihung um 14 Uhr mit dem Verkehrsminister und grossem Tamtam. Ich müsste entweder bis am anderen Tag warten, oder die sehr Steile gehen, wovon mir aber eh abgeraten wurde wegen zu vieler Verkehrsunfälle. Was für eine Perspektive!
Da ich ja nicht das erste Mal vor einer Baustelle stehe, fragte ich einfach, ob sie nicht von jemandem die Genehmigung für mich einholen könnten, dass wir auch vor der öffentlichen Einweihung hoch dürften. Tatsächlich hatte ich 3 Minuten später die Erlaubnis mit der Auflage, allen Mist wegzumachen, denn die Kehrmaschine sei schon gefahren. Also los. Meine Warnweste zog ich mir trotzdem über und wir zogen in den Berg.
Ich hab vorher Lothar erklärt, dass es steil werden würde, aber dass wir da wirklich hoch müssten.
Und Lothar zog! Relativ schnellen Schrittes zog er die Kutsche auf natürlich menschenleerer neuen sauberen schicken Strasse den Berg hoch. Und hoch und hoch. Und Gelegentlich musste ich die Strasse putzen. Und weiter ging es noch mehr Höhenmeter und mein Ochse zog und zog und zog weiter bis wir oben waren!!! Ohne zu murren, ohne langsam zu werden, schaffte er unsere Kutsche 270 Höhenmeter auf 2 km hochzuziehen! Ich kann es immer noch nicht glauben.
Im Grunde war die Sperrung unser Segen gewesen! Denn so konnten Lothar und ich uns nur auf das Hochkommen konzentrieren, ohne auf Autos aufzupassen und Angst zu haben, dass uns eine Auto übersieht.
Danke, Strassenmeisterei und dank dir, Lothar, für deinen Einsatz!!

Freitag, 29. August 2014

Entschuldigung!!!

 oder: Der Preis für abgelegene Wiesen
Eigentlich erst seid dieser Saison frage ich gezielt nach Wiesen „ab vom Schuss“ wie ich es auszudrücken pflege. Ich geniesse es dann Abends, nach einem Tag des gesehen, fotografiert und bestaunt werdens einfach Feierabend zu haben ohne dabei auch noch beobachtet zu werden. Nur leider haben diese Wiesen natürlich auch keinen Internetanschluss und so vergehen im Moment oft Wochen, bis ich wieder so nah an Häusern dran bin und somit wieder was auf meinem Blog veröffentlichen kann. Das ist aber dann auch der einzige Nachteil dieser Wiesen.
Aber ich schreibe wöchentlich für euch und stelle das dann eben z.T. erst nachträglich ins Netz. Ich bitte um Nachsicht!

Es berührt mich dann sehr, dass wenn ich mal nicht Termingerecht einen neuen Eintrag mache, ich damit rechnen kann, dass mich irgendjemand anruft, um zu fragen, ob auch alles in Ordnung ist. Ich freue mich, dass so auf mich/uns aufgepasst wird!
Was für ein Geschenk, diese enge Beziehung aufbauen zu dürfen mit einem so grossen und doch auch fremdartigen Wesen, wie Lothar es ist. An einen solchen Riesen einfach rantreten und sich anlehnen zu dürfen, den  Ochsengeruch in der Nase. Oder sich neben ihn hinlegen zu dürfen ins Gras, während er liegt und wiederkäut, ohne Angst, dass was passieren könnte, mit auf einmal ganz anderer Perspektive. Er als ruhender einen weit überragenden Koloss neben einem und doch so Ruhe ausstrahlend und friedlich.
Doch Freundschaft ist es eben nicht. Und die Nähe ist auch sofort weg, wenn Lothar wieder eine Herde hat. 
Doch für diese paar Monate im Jahr bilden wir diese eigenartige, ich muss es wohl Gemeinschaft nennen, in der wir einander tagtäglich brauchen und uns unsere Fähigkeiten gegenseitig zur Verfügung stellen. Er mir seine Kraft und ich ihm meine Sprachvermögen, um nach einer neuen, anderschmeckenden, saftigen Wiese zu fragen.


Auf der schwäbischen Alb


700 Schafe. Mit so vielen Schafen wurden Piz und ich auch mal alleine gelassen, als wir einem Schäfer auf der schwäbischen Alb halfen. Auf für erfahrene Schäfer einfach zu hütendem Gelände natürlich. Aber für mich?
Piz ist dadurch wieder ein tief entspannter Hund geworden. Für sie war wieder der Himmel auf Erden, doch ich habe sicher minimum 50 graue Haare mehr. Denn: Himmel, wo sind denn alle? Wo ist der Anfang und wo das Ende? Und sinds überhaupt noch 700 oder haben sich 50 schon abgeseilt und fressen jetzt im Getreideacker (wo sie nicht hin sollen), auf der schönen saftigen Wiese (wo sie auch nicht hin sollen), oder sind sie gar schon auf der Strasse (wo sie auf keinen Fall hin sollen)? Gehe ich nachschauen und riskiere dabei, dass sich auf der anderen Seite andere 50 davonstehlen?
Eine wirklich anspruchsvolle Arbeit für mich und Hund, der uns beide schnell an unsere Aufmerksamkeitsgrenzen gebracht hat. Piz hat dann irgendwann, wenn ihr 700 zu viel wurde, die Hälfte abgetrennt, damits wieder übersichtlicher ist und die Strecken zu laufen auch nicht mehr so lang, aber dann gabs Feierabend für sie.
Und ich war ehrlicherweise doch immer erleichtert, wenn ich das rote Tuch des Schäfers wieder in der Ferne erblickt habe. Sehr froh aber auch für die Aufgabe, die Verantwortung, die Erfahrung und das Vertrauen, was ich bekommen habe.

Mein letztes Hemd


Ich kann ohne elektrischen Herd auskommen, ohne elektrisches Licht auch. Kann auf vieles verzichten und fühle mich mit wenig Eigentum eher bereichert. Aber ohne eine Sache möchte ich nicht mehr leben: die Waschmaschine. Zwei Jahre wusch ich meine Kleidung schon von Hand. Während meiner Wanderschaft ohne Tieren, die Anfangszeit in Ungarn, mein Winter in Kirgistan und in der Mongolei. Eins wurde mir dabei wirklich klar: es ist zeitraubend, anstrengend und das Ergebnis immer unzufriedenstellend!
Dank Lothar wird mir sehr oft eine Waschmaschine angeboten, doch halt auch nicht immer. Gelegentlich muss ich doch noch für die wichtigsten Kleidungsstücke zur Seife greiffen, aber ich schiebs bis aufs absolut Unvermeidliche hinaus. So trug ich jetzt mein letztes T-Shirt, meinen vorletzen Pulli und wann hatte ich zuletzt Hose gewechselt? Das muss vor meinem Geburtstag gewesen sein...also irgendwann...darf man sowas schreiben?...Ende Juli? Äh, ja, tja, also weiter im Text: Länger liess es sich wirlich nicht mehr schieben und bedrückte mich nicht unwesentlich. Und dann - tada- genau an dem Tag, wo ich mich dann tatsächlich hätte überwinden müssen werden mir wieder mal ganz nette Leute geschenkt, die mir sogar noch extra Brotzeit für den nächsten Tag besorgen gehen und die mir mit ihrer Freundlichkeit ermöglichen zu fragen: darf ich meine Wäsche bei ihnen Waschen? Was für ein Segen das: Ja, klar!

Und heute erfreue ich mich allein an dem Gedanken, die Kutsche voller sauberer, wohlriechender Kleidung zu haben. Da kann ich doch sogar einen kleinen Luftsprung machen.

Samstag, 9. August 2014

Ungerecht!

                            

                                 Ungerecht!
Ja, Piz, da hast du recht. Es ist ungerecht, dass du bisher kaum Erwähnung fandest, wo du doch auch ein sehr wesentlicher Drittel der Reise bist. Das ändere ich hiermit:

Also Piz ist eine zweieinhalb jährige Bordercollie Hündin. Ihr Name leitet sich vom ungarischen Wort für „Kleine“ - Pici (gesprochen Pizi) ab. Das zweite „i“ fand ich nur irgendwann blöd. Eigentlich heisst sie Bea, doch ruft sich dieser Name in die Distanz nicht so gut wegen dem „a“ am Ende. Hingegen kann man aus Piz Pizi machen und zur Not auch noch Pizi-ke, was soviel heisst wie kleine Kleine und das hat so viele „i"s und „e"s (welche gut und einfach in die Distanz gehen), dass sie‘s - bis es fertig ausgesprochen ist- schon gehört haben sollte.

Also diese Piz dient nicht nur fantastisch als lebendige Wärmflasche, sondern kann auch was (meistens).
Als einjährige Hündin hat sie nach dreimonatiger Trainingsphase mir eine Schafherde dort hingebracht, wo ich sie haben wollte, während ich aus einiger Entfernung ihr die Kommandos zurief. Das war ihre beste Zeit. Danach wurde sie bedingt durch einen Ortswechsel eine Zeit lang mehr Schoss- als Arbeitshund. Da wird schon so einiges vergessen unter dem vielen Gekrault werden, ganz schön viel. Deshalb bräuchte sie um an diese Leistung wieder ranzukommen einige Tage intensives Training. Jetzt ist sie einfach zu enthusiastisch, wenn sie mal wieder Tiere hüten darf und hört da gern mal nur auf ihren Kopf. Da klappts nicht mehr so mit dem „lay down“...
Doch auch jetzt hat sie ihre Kommandos und Aufgaben. Sie hat Worte für die Benutzung der rechten Strassenseite, muss an gefährlicheren Stellen parallel mit Lothar laufen (mag sie gar nicht) und hilft mir morgens ihn auf der Weide einzufangen, in dem sie ihn umkreist und ihn - zumindest gefühlt - dadurch an Ort und Stelle hält. Jegliche anderen Tiere werden entlang der Strasse angehütet, ob Pferde, Kühe, Schafe, Hühner, Katzen, auch mal nur leere Zäune. Ich erkenne meistens an ihrem „Hütegang“, dass wir uns wieder Tieren nähern.

Sie ernährt sich -leider- viel von dem, was andere Leute aus dem Autofenster schmeissen, mit dem Auto überfahren, oder ihren Katzen vor die Tür gestellt haben. Phasenweise, v.a. wenn wir an viel befahrenen Radwegen entlang laufen, ist diese Suche so ergiebig, dass sie ihr eigenes Futter nicht mehr anrührt. Und wenn mal was zu lange tot ist, um es zu fressen, dann kann Hund sich zumindest noch genüsslich drin wälzen und schläft dann aber NICHT mehr im Zelt.

Insgesamt ist Piz aber ein genauso wichtiger Teil wie Lothar, weil sie eine Geselligkeit, Wärme, Verkuscheltheit und Freude mit ans Camp bringt, die ihresgleichen sucht.

Und Piz, bist du jetzt zufrieden?

Samstag, 2. August 2014

Lothar und Kinder





Ich glaube, dass diese Bilder genug ausdrücken für diesmal. Also bis nächste Woche!