Samstag, 9. Mai 2015

Winter einer Oxnfrau

Auf Island hat mir mal jemand erzählt, dass in der Zeit, in der  wir „Südländer“ ein ganzes Jahr durchlaufen, die Isländer nur einen langen Tag und eine lange Nacht leben würden.
Und so ähnlich fühlt sich mein Leben an.
Von Frühling bis Herbst bin ich nur draußen, den ganzen Tag und die ganze Nacht, treffe täglich viele Menschen und lebe meinen Rhythmus und meine Geschwindigkeit.. Darüberhinaus richtet sich meine Aufmerksamkeit auf das Wohlergehen von genau nur drei Wesen.
Ja und im Winter halte ich Winterschlaf. Arbeitsreichen Winterschlaf. Ich arbeite und schlafe und das in vier festen Wänden.

Die Wände haben mich im ersten Winter schier verrückt gemacht nach den vielen Monaten im Zelt. Dabei waren es eigentlich nicht die Wände, sondern dass hinter den Wänden andere Menschen gewohnt haben und ich mich deshalb immer so „klein“ machen musst. So klein wie eine Schachtel hat sichs angefühlt. Diesen Winter hatte ich mein Zimmer alleine unter dem Dach und das war viel besser. D.h. ich hatte über allem mein eigenes Reich und über mir war nichts mehr. Nur das Dach und der Himmel. Ein ganz anderes Gefühl.
Habe ich am Anfang noch aus Gewohnheit immer das Fenster offen gehabt egal wie kalt es war, hab ich irgendwann wieder gelernt wie schön es ist in ein beheiztes Zimmer zurückzukommen abends. Was ein Luxus. Und für diese Wärme musste ich nicht mal was tun! Kein Feuerholz sammeln, keinen Ofen anfeuern und warten bis es dann mal warm ist. Nein, ich musste nur den Heizkörper aufdrehen. Völlig verweichlicht bin ich im Winter! :-)

Die 65 h Woche ist schon sehr anstrengend und verlangt meinem Körper viel ab. Aber, so denke ich mir oft im Winter, wenn ich schon so viel arbeite, dann ist es doch super, dass ich die ganze Zeit in guter Gesellschaft bin, nämlich in Kuhgesellschaft. Und obwohl die Stallarbeit im Winter jeden Tag das selbe ist, wird mir diese Arbeit nicht langweilig. Solange ich mich um „meine“ Kühe kümmere und alles mehr oder weniger mit ihrem Wohlergehen zu tun hat. 

Ich glaube, dass ich die Familie, bei der ich diesen Winter gewohnt habe, ziemlich vor den Kopf gestossen habe damit, dass ich entweder gearbeitet oder geschlafen habe. Und nicht noch gesellig war abends. Doch mein Körper kann nach so viel Arbeit nicht noch sozial sein, sondern braucht die Regeneration. Und von Menschen werde ich ja um Sommer so viel umgeben. Reden tu ich im Sommer wirklich genug.
Und da bin ich auch schon bei dem tollsten Aspekt des Winters: dem „Übersehen- Werden“. Ich kann durch eine Stadt oder einen Raum voll Menschen gehen und niemand schaut mich an. Der Blick der Leute bleibt nicht an mir hängen, sondern gleitet von mir gleich zum nächsten. Ich werde für nicht interessant gehalten, solange kein Lothar neben mir steht und das ist nach dem vielen Fotografiert werden, auch mal erleichternd. Ich verschwinde also für andere Menschen, ich taucht unter. Ich arbeite, gehe in die Badewanne und schlafe. Sonst nichts. Und schon gar nicht beantworte ich Fragen.

Nach der Langsamkeit des Sommers ist es nicht immer einfach, wieder in den schnelleren Arbeitsrhythmus zurückzugehen. Hingegen kann ich mir einige Qualitäten des Sommers im Kuhstall beibehalten. Am meisten wohl die Tatsache, dass das, was ich tue zu 100% tue. Also auch den Kuhstall. Die Wachheit und Aufmerksamkeit im Umgang mit den Tieren. Die Ruhe, alles zu versuchen Wahrzunehmen und die Gründlichkeit mit der ich die Sachen machen.
Wenn natürlich von mir verlangt wird, dass ich die Arbeit schnell mache, Hauptsache sie ist gemacht, damit noch mehr Arbeit in den Tag rein passt wird es schwierig. Nicht weil ich das nicht könnte, aber weil ich dann nicht mehr den Überblick über meine Kühe habe, über ihren Gesundheitszustand, Stierigkeit, o.ä. Da hört dann die Freude in der Arbeit auf.

Es ist natürlich auch ein gewisses Risiko, nach nur einem Vorstellungsgespräch sich für einen ganzen Winter zu binden, und mit anderen Leuten zusammenzuleben und zu arbeiten. Und sich ja auch dem Tempo eines anderen Betriebes unterzuordnen. Natürlich verläuft sowas nicht immer reibungsfrei.

Im Grossen und Ganzen bin ich aber schon zufrieden mit den Wintern. Und dem, dass es einfach funktioniert im Winter Arbeit zu finden, die uns ermöglicht, im Frühjahr weiterzulaufen, auch wenn ich erst Mitte September anfange zu suchen. Und dass ich es nun schon mehr als zwei Jahre schaffe meinen Ochsen, meinen Hund und mich gut zu versorgen und trotzdem dieses Leben zu leben.

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